Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 16 (1896)
- Issue
- Heft 6 (1.6.1896)
- Date
- 1896-06-01
- Page
- Seite 129 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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129 F mündliche Überlieferung und was aus dem Volke selbst sich herauseutwickelt hat mit urwüchsiger Kraft, bis die Feder des Schriftstellers es im Buche der Bücher festgelegt für kommende Zeiten; erst Jahrhunderte nach dem Tode Mosis wurde die erste Zeile des Buches niedergeschrieben, das seinen Namen trägt. Wie einfach und ungezwungen erklären sich bei dieser Auffassung all' die wunderbaren und außergewöhnlichen Begebenheiten, von denen die heilige Schrift uns berichtet: Sie sind dann nichts weiter, als der poetische Glanz, mit welchem die dichtende Volksseele das Leben und den Tod der großen Männer der Vorzeit verklärte; sie sind liebliche Sagen, mit denen die rege, nimmer ermüdende Phantasie des Volkes das Wirken seiner großen Männer schmückte. — Tief wurzelte im Gedächtnis Israels die Erinnerung an den bedeutendsten Mann, den seine Geschichte hervorgebracht, die Erinnerung an Mose. Er, der die Ahnen einst aus der Knechtschaft Egyptens befreit, war im Laufe der Jahrhunderte im Volksmunde geradezu zum Nationalheros geworden. Von ihm erzählte die israelitische Mutter den Kindern, die auf ihrem Schoße saßen und lauschend an ihrem Munde hingen; von ihm berichtete der Vater mit Stolz den Heranwachsenden Knaben; ihn priesen die Lehrer den begeisterten Jünglingen als Muster und Vorbild der Tapferkeit und der sittlichen Größe, und je weiter man sich von den: Zeitalter des Mose entfernte, je mehr seine Geschichtsepoche in der Vergangenheit versank, um so gewaltiger trat die Riesengestalt dieses einzigen Mannes hervor, um so mehr war man aber auch geneigt, sein Leben sagenhaft auszuschmücken und seine geschichtliche Erscheinung poetisch zu verklären. Er ist jetzt nicht mehr allein der Befreier Israels aus der Tyrannei der Pharaonen, sondern er wird im Volksmunde geradezu der Freund und Genosse Gottes, mit dem der Ewige wie mit seines Gleichen redet. Ja, so überwältigend groß lebt seine Gestalt in der Phantasie des Volkes, daß man nicht allein sein Wirken mit zahllosen Wundern umgiebt, sondern auch in ihm die israelitische Volksseele geradezu verkörpert findet. Alles, was das Volk selbst im Laufe der Jahrhunderte ersonnen und erdacht an großen Gesetzen und herrlichen Vorschriften, an schönen Worten und edlen Gedanken, das schreibt die geschäftige Volksdichtung dem Mose zu, der so zum Träger der ganzen jüdischen Lehre wird. Und ähnlich, wie ihm, erging es allen großen Männern in der Urgeschichte Israels: Das Volk umwob ihre Gestalten mit geheimnisvollen Wundern, weil es ihr Wirken verehrte und ihre Thaten staunend betrachtete, und als dann später die einzelnen Bücher der heiligen Schrift uiedergeschrieben wurden, da vermischte sich Geschichte und Sage, Dichtung und Wirklichkeit, da konnte man nicht mehr unterscheiden, was die Volksseele gedichtet und was die Geschichte erzählt. — Und verhält es sich nicht ebenso auf dem Gebiete