Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 16 (1896)
- Issue
- Heft 6 (1.6.1896)
- Date
- 1896-06-01
- Page
- Seite 128 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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128 die richtige sein, denn sie führt nicht zur Denkfreiheit, sondern zur Denkträgheit. — Etwas höher steht eine dritte Anschauung, die wenigstens einen, wenn auch nur schwachen und falschen Versuch macht, die Bibel in ihrer Bedeutung anzuerkennen und zu schätzen. Die Anhänger dieser Richtung wollen die Wunderberichte der biblischen Bücher zwar gelten lassen, suchen aber die Wunder selbst auf natürlichem Wege zu erklären. Mit weiser Miene und klugem Gesichte behaupten sie, das, was uns als Wunder erscheine, sei in Wirklichkeit gar kein Wunder gewesen, sondern nur ein ganz natürlicher Vorgang, den die bedeutenden biblischen Männer vermöge ihrer hervorragenden Kenntnisse auf naturwissenschaftlichem Gebiete vollzogen hätten. Moses, so erklären sie mit überlegenem Geiste, habe so Hervorragendes in der Chemie, der Elektrizität und Physik gewußt und geleistet, daß es ihm ein Leichtes geworden sei, all' die Thaten zu vollbringen, die den Zeitgenossen zwar als Wunder erscheinen mußten, in Wirklichkeit aber nichts anderes waren, als naturwissenschaftliche Experimente des großen Naturforschers Mose. Man hat lange Zeit diese Auffassung, die sogenannte rationalistische, als die allein richtige betrachtet, man wähnte in ihr den glücklichen Ausgleich zwischen Glauben und Wissen endlich gefunden zu haben, und doch bringt auch hier eine unbefangene Prüfung uns zum Bewußtsein, wie unwahrscheinlich, ja wie unwürdig gerade diese Vorstellung sei. Denn stempelt sie nicht Mose zum frommen Betrüger, der seinem Volke als Wunder zeigte, was bei ihm nur natürlicher Vorgang war? Und dann: Können wir wirklich die Wunder, welche die Bibel erzählt, auf natürlichem Wege erklären? Nein, Wunder bleiben Wunder, und wir mögen alle naturwissenschaftlichen Kenntnisse der Welt nehmen, wir werden damit nie und nimmer die Hiinmelfahrt eines Elia, die zehn Plagen in Egypten, die Austrocknung des Schilfmeeres, das Manna in der Wüste zu erklären im stände sein. Deshalb kann auch diese Auffassung des biblischen Wortes, so gut sie gemeint sein mag, nicht als die richtige betrachtet werden. Nein, wollen wir die Thora recht verstehen, so müssen wir sie in ihrem Entwickelungsgange zu begreifen, in ihrer Entstehungsgeschichte zu erfassen versuchen. Denn sie ist nicht das Werk eines Einzelnen, ist nicht im Laufe weniger Jahre entstanden, sondern sie ist der Niederschlag der Entwickelung, welche Israel im Laufe von Jahrtausenden durchgemacht hat; sie ist das Geschichtsbuch unseres Stammes, aus ihr spricht die Stimme des ganzen Volkes Israel. Nicht Mose hat sie verfaßt; nicht seinem Geiste sind die darin niedergelegten Gesetze entsprungen; nicht seine Hand hat ihren Wortlaut ausgezeichnet, sondern erst viele Jahrhunderte nach seinem Tode haben Männer des jüdisch-israelitischen Volkes die Thora niedergeschrieben und in ihren Blättern verewigt, was im Volke gelebt, was von Geschlecht zu Geschlecht sich fortgeerbt als heilige