Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 16 (1896)
- Issue
- Heft 6 (1.6.1896)
- Date
- 1896-06-01
- Page
- Seite 127 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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127 selbst an den wunderreichsten Begebenheiten der Schrift ist ihnen ein unerhörter Frevel am Heiligtum der Religion. Wir sollen eben glauben und nicht denken! Über die Berechtigung einer solchen Auffassung brauchen wir nicht viele Worte zu verlieren. Denn das leuchtet ohne weiteres ein: Eine religiöse Richtung, die das Forschen und Nachdenken untersagt, die das geschriebene Wort nicht anzutasten wagt, bloß weil es Jahrtausende alt ist, und mag es noch so sehr der Vernunft zuwiderlaufen, eine solche Richtung, sagen wir, kann nimmer zur besonnenen Würdigung des biblischen Wortes hinführen, ja sie ist geradezu ein Hohn auf den alten schönen Satz der Schrift: Wejodato hajaum! Du sollst deine Religion erkennen, d. h. mit dem Geiste erfassen! — Anders verhält es sich mit einer zweiten Richtung, die gerade in unseren Tagen so gern sich breit macht und mit stolzem Selbstbewnßtsein ihrer Auffassung der heiligen Schrift sich rühmt. Wie, so rufen die Anhänger dieser Richtung emphatisch aus, die Bibel sollte für uns noch Wert und Bedeutung haben? Wir sollten ein Buch noch hochschätzen können, das die wunderbarsten, unglaublichsten Dinge als wirkliche Thatsachen uns vorführt, das von Ereignissen uns berichtet, die wohl vielleicht Eindruck machen auf ein kindliches Gemüt, nicht aber auf den ausgereiften Verstand eines denkenden Menschen! Wie können wir z. B. die zehn Plagen in Egypten, die Austrocknung des Schilfmeeres, überhaupt die Wunderthaten eines Mose, eines Elia und Elisa als thatsächlich vollzogen hinnehmen? Wir sind gebildete Menschen, sind vertraut mit Kunst und Wissenschaft, sind heimisch auf dem Gebiete unserer Literatur, und ein Buch, das so zahllose Wunder uns berschtet, hat daher keinen Anspruch darauf, ernst von uns genommen zu werden. So weisen also die Anhänger dieser Richtung die ganze Bibel von sich ab; sie betrachten sie als ein veraltetes, überlebtes Buch und nehmen es fast als eine Beleidigung hin, wenn man ihnen zumutet, sie möchten dasselbe doch einmal unbefangen prüfen und mit besonnenem Urteil erwägen, was ihnen der Erwägung nicht wert erscheint. - Ob eine solche Auffassung der heiligen Schrift, wohl wirklich die richtige ist? Niinmermehr! In ihr kommt nach unserer Meinung nichts anderes zum Ausdruck, als die bequeme Trägheit des oberflächlichen Menschen, der das Nachdenken scheut, der sich der mühseligen Arbeit einer unbefangenen, eingehenden und vorurteilslosen Prüfung des Schriftwortes entziehen und dabei doch als ein gebildeter Mensch dastehen niöchte. Schon eine einzige Frage könnte die Anhänger dieser Richtung in Verlegenheit setzen, die Frage nämlich: Wie? Sind all' die erhabenen Sittengesetze, welche die Bibel zuerst der Menschheit verkündet, wirklich so nichtssagend und bedeutungslos, daß sie unserex Beachtung und Bewunderung nicht wert erscheinen? Sind wir wirklich berechtigt, die ganze Bibel zu verwerfen, weil unser Verstand die Wundergeschichten derselben unbegreiflich findet? Also auch diese zweite Auffassung des biblischen Wortes kann nimmer