Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 16 (1896)
- Issue
- Heft 6 (1.6.1896)
- Date
- 1896-06-01
- Page
- Seite 126 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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126 schüft das Menschendasein trüben, wenn die Menschen sich nur aussprechen möchten, ruft doch Gott selbst den sündhaften Menschen zu: „kommt, wir wollen uns aussprechen, dann werden eure Sünden, die scharlachrot sind, weiß wie Schnee werden." Fürwahr besser als alle Einsetzung von Ehrengerichten ist es, wenn der Beleidigte und der Beleidiger sich selbst zu Gerichte setzen, und alle Ehrenkränkungen und alle Ehrenbeleigungen werden ihren Stachel verlieren, so die Menschen sich nur aussprächen und den Willen zur Versöhnung bekundeten. Fassen wir alles Erörterte in wenige Sätze zusammen, so müssen wir sagen, „gehe nicht als Verleumder umher", taste die Ehre, den guten Namen, den guten Ruf deines Nächsten nicht an; bist du in deiner Ehre verletzt, so verabscheue jenes Sühnemittel, das einem Mord und Selbstmord ähnlich sieht, jenes Mittel, das nicht allein deinem Beleidiger sondern auch dir, dem Beleidigten, zum Verderben gereichen kann, denn dir gebietet die Thora, „stehe nicht müßig bei dem Blute deines Nächsten", und mußt im ihm in Lebensgefahr beistehen, so darfst du gewiß nicht sein und dein Leben in Gefahr bringen; auch grolle und schniolle nicht und „hasse deinen Bruder nicht in deinem Herzen", sondern „weise zurecht", sprich dich ans, suche Ausgleich, biete deine Hand zur Versöhnung, so wird sich auch hier von unserm Gotteswort und unserer Gotteslehre bewähren» was der Psalmendichter so schön und wahr an ihr kennzeichnet „ihre Wege sind liebliche Wege und alle ihre Bahnen führen zum Frieden." Amen. Die Wunder der Wibel' im Lichte der Kritik. V0N * q. * Unter den niannigfachen religiösen Fragen, deren Beantwortung durch die Ergebnisse der neueren Bibelkritik wesentlich erleichtert wird, erregt wohl keine so sehr das Interesse des gebildeten Laien, als diejenige, welche die Wundererz äh ln »gen der Bibel zum Gegenstände hat. Wie sind diese Erzählungen in Einklang zu bringen mit den einfachsten Forderungen des gesunden Menschenverstandes,^'ohne daß dadurch die Hochachtung vor der heiligen Schrift leidet und die Wertschätzung des biblischen Wortes irgendwie gefährdet wird? Die Beantwortung dieser Frage wird von den sogenannten Strenggläubigen innerhalb des Judentums ohne weiteres abgelehnt, weil dieselben — sie stimmen darin mit der christlichen Orthodoxie durchaus überein — das biblische Wort als ein unverletzliches Heiligtum betrachten, dessen kritische Beurteilung schon an und für sich ein schweres Verbrechen sei, welches jede positive Religion streng von sich abzuweisen habe. Die Anhänger dieser Richtung verlangen also blinden Glauben, unbedingte Unterwerfung der Vernunft unter das geschriebene Wort. Schon der leiseste Zweifel