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Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen · 1896-06-01 · Heft 6 (1.6.1896) · p. Seite 125

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Journal
Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
Volume
16 (1896)
Issue
Heft 6 (1.6.1896)
Date
1896-06-01
Page
Seite 125 (sequence 5)
Language
German
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125 darf, warum ist man denn an den Stätten des Gerichts immer so milde im Urteil, ivenil wir uns beklagen über die Herabwürdigung unserer Religion, da man Lügen über sie verbreitet, als ob sie Haß gegen Andersdenkende, Meineid und Trug lehre. Nein! Grade durch die zunehmenden und geduldeten Verleumdungen gegen uns hat man in der Volksseele eine gewisse Verleumdungssucht und Neigung zu Ehrenbeleidigungen großgezogen; das ist die Rache der Weltgeschichte, hier ist die Weltgeschichte das Weltgericht, hier bestätigt sich das rabbinische Wort „hat man einmal dem Bösen die Zügel schießen lassen, dann unterscheidet man nicht inehr zwischen Guten und Schlechten"; man hat systematisch dem Volke den Hang zur Verleumdung anerzogen und jetzt beklagt man sich mit Unrecht über diese ilioralische Krankheit, anstatt sich selbst eigener Verschuldung zu zeihen. Doch kehren wir zum Gegenstand unserer Betrachtung zurück. Der in seiner Ehre und seinem Rufe beleidigte soll nicht im Blute eine Sühne suchen, doch wie, soll er dafür init stetem Groll iin Herzen umhergehen, und einen unlöschbaren Haß gegen den, der ihm Unrecht gethan, in seinem Busen nähren? Auch das nicht; hier tritt wiederum das Moralgesetz der Thora an uns heran und mahnt uns unmittelbar nach dem Verbot „nicht gleichgültig beim Blute des Nächsten zu stehen" „hasse deinen Bruder nicht in deinem Herzen, zurechtweisen sollst du deinen Nächsten und seinetwegen keine Sünde auf dich laden." Das ist echte Moral, das ist wahre Religion, „diesen Weg schlägt die Thora ein". Nicht sollen wir in Haß und Groll an unserm Nebenmenschen vorübergehen, nicht in Bitterkeit des Gemüts ihm aus dem Wege gehen; wir müssen uns alich einmal die Frage vorlegen, ob jede von uns als solche aufgefaßte Ehrenkränkung in Wirklichkeit unserer Ehre nahetritt; wir müssen uns oft fragen, ob >vir nicht vielleicht in einem Irrtum uns befinden und nicht befangen sind von einem Wahne, von unserm Nebenmenschen beleidigt worden zu sein; ferner müssen wir erwägen, ob wir nicht in unserer Auffassung etwas zu empfindlich sind und iliisre Ehre für angegriffen glauben, während doch nur unsere Eitelkeit verletzt worden ist; ferner müssen wir bedenken und uns fragen, ob wir auch die Rücksichtnahme auf unsere Ehre mit Recht fordern dürfen, ob wir selbst, auch so rücksichtsvoll gegen die Ehre anderer sind, oder ob unsere eigene Ehre so unanfechtbar, rein und makellos ist; aber selbst zugegeben, wir sind in unserm Rechte, so sollen wir dennoch jeden Bruderhaß aus unserm Herzen entfernen, den Frieden anstreben und das Schriftwort beherzigen „zurechtweisen sollst du deinen Nächsten"; Vorhalten sollen wir ihm, was er uns gethan, und aus solcher Annäherung wird allmählich Versöhnung und Frieden sich ergeben. Wo zwei Menschen entzweit sind, da liegt in der Regel das Unrecht auf beiden Seiten und das Recht in der Mitte beider; jeder thue einen Schritt näher, bis man so nahe gekommen, daß man sich die Bruderhand reichen kann. Es würde viel weniger Haß und Groll und Feind-

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