Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 16 (1896)
- Issue
- Heft 6 (1.6.1896)
- Date
- 1896-06-01
- Page
- Seite 123 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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123 über die Begriffe, die dabei in Betracht kommen, den Begriff der Ehre, des Tötens mit leichtem Herzen, der gesühnten Ehre, über diese Begriffe läßt uns unsere religiöse Literatur nicht im Unklaren. Zunächst werden wir uns klar, welche Anschauung im Geiste des Judentums über die Ehre vorherrscht. Steht der Begriff der Ehre hoch, wird sie geschätzt und als ein schonungsberechtigtes, wertvolles Gut, das des Schutzes würdig ist, hochgehalten? Wir könnten eine lange Reihe von Stellen aus der biblischen und nachbiblischen Literatur anführen, die alle die Wertschätzung der Ehre und des Ehrgefühls hervorheben. Im Talmud heißt cs: „die Ehre des Menschen steht so hoch, daß vor ihr selbst ein biblisches Verbot zurücktreten muß"; unsere alten Sittenlehrer meinen „die Ehre deines Nächsten sei dir so kostbar wie deine eigene"; an einer andern Stelle heißt es: „wer verdient Ehre, derjenige, der auch die Ehre anderer Menschen schätzt"; im Midrasch heißt es sogar: „Gott habe die Ehre ei»es Menschen, Abrahams, höher als seine eigene gestellt, denn von sich sagt Gott, die mich ehren, werde ich ehren, die mich geringschätzen, werden verachtet werden d. h. durch Andere, während er Abraham zusagte, ich werde segnen, die dich segnen und die dich geringschätzen, werde ich verfluchen". Darum, weil die Ehre des Menschen im Judentum so viel gilt, ermahnt uns die heilige Schrift im heutigen Bibelwort „Gehe nicht als Verleumder unter deinem Volke umher." Kaum irgend eine Untugend wird so sehr verpönt wie Verleumdung, Lästerung. Der Verleumder, so lautet die Anschauung der Alten, ist ein dreifacher Mörder; er tötet in sich das eigene Ehrgefühl, er vernichtet den guten Namen dessen, den er ^verleumdet und zerstört die gute Meinung von dem Verleilindete» bei dem, der die Lästerung hört; „ansrotten möge der Ewige," so ruft der Psalmendichter aus, „alle verleumderischen Lippen", „Rochil" bedeutet auch „Krämer", und wie ein Krämer zieht der Verleumder umher und bietet aller Welt seine unsaubere Waare an; er ist lvie der Sprachgebrauch lautet, ein „Neuigkeitskrämer", der von jedem etwas weiß, aber von jedem etwas Böses, der alle Welt lästert und den guten Namen, den guten Ruf, die Ehre — an allem diesen fehlt cs ihm, -- in den Staub zerrt und mit seiner Lästerzunge besudelt. Wie ein Funken wird die Verleumdung unter die Menge geworfen, in dieser ist viel Zündstoff, viel Empfänglichkeit vorhanden; der Funken zündet, greift um sich, das Feuer vergrößert sich, verbreitet sich und wird endlich zu Hellem Brand, der des Nachbars Gut, das ist der „gute Nus", in kurzer Zeit in Asche legt. Ein kostbares, wertvolles Gut ist die Ehre, das erst nach vieljähriger, angestrengter, sittlicher Arbeit erworben wird, aber durch Verleumdung und Lästerung in einer Stunde verloren gehen kann. Ohnmächtig steht der Verleumdete da, zähneknirschend, es bäumt sich in ihm das verletzte Ehrgefühl, was soll er thun, um das ihm geraubte Gut zurückzuerlangen, um seine verletzte Ehre zu sühnen? Soll er nach