Mannheim
Compact Memory

Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen · 1896-05-01 · Heft 5 (1.5.1896) · p. Seite 119

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
Volume
16 (1896)
Issue
Heft 5 (1.5.1896)
Date
1896-05-01
Page
Seite 119 (sequence 23)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
98% known words query
IRI
…/2969669-2969823-2969829--4778-2974053
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

119 Gründung dieses Staates denkt sich Herzl zwei große Gesellschaften, welche ähnlich wie die Direktoren einer Aktien-Gesellschaft im Auftrag und in Vertretung der Aktionäre als Gestoren und Repräsentanten der gesamten Judenheit fungieren. Diese beiden Organe nennt er: die Society of Jews und die Jewish Company „Was die Society of Jews wissenschaftlich und politisch vorbereitet hat, führt die Jewislr Company praktisch ans. Die Jewisli Company besorgt die Liquidierung aller Vermögensinteressen der abziehenden Juden und organisiert im neuen Lande den wirtschaftlichen Verkehr. Der Abzug der Juden wird ein allmählicher sein und Jahrzehnte dauern. Zuerst werden die Ärmsten gehen und das Land urbar machen. ... Unsere niedersten wirtschaftlichen Schichten folgen allmählich den nächsthöheren hinüber. Die jetzt am Verzweifeln sind, gehen zuerst. Sie werden geführt von unserer überall verfolgten mittleren Intelligenz, die wir überproducieren.... „Die Juden welche sich zu unserer Staatsidee bekennen, sammeln sich um die Society of Jews. Diese erhält dadurch den Regierungen gegenüber die Autorität, im Namen der Juden sprechen und verhandeln zu dürfen. Die Society wird als staatbildende Macht anerkannt.... Zeigen sich nun die Mächte bereit, dem Judenvolk die Svuvränetät eines neutralen Landes zu gewähren, so wird die Society über das zu nehmende Land verhandeln. Zwei Gebiete kommen in Betracht: Palästina und Argentinien." Wie die Sache nun im Einzelnen ins Werk gesetzt und ausgeführt werden soll, das hat der Verfasser zwar mit großem national-ökonomischem Optimismus und auch mit einer gewissen Oberflächlichkeit aber doch auch wieder mit einer gewissen uns wohlthuenden Liebe für das Kleine, Alltägliche des Daseins im zweiten Teile seiner Flugschrift auseinandergesetzt. Wie schon im Eingänge bemerkt wurde, ist die Schilderung der Judennot im ganzen wahr — leider nur zu wahr, wenn auch nicht zu verkennen ist, daß der Autor unter dem Eindrücke der jüngsten Wiener Ereignisse unwillkürlich etwas schwarz aufgetragen hat. Die Verhältnisse in Deutschland sind noch nicht so auf die Spitze getrieben, wie in den östlichen Ländern. Aber wenn wir auch zugeben wollten, daß sich alles im einzelnen so verhalte, wie Verfasser sagt und wenn wir auch den naheliegenden Einwand, daß die Judenheit schon bedenklichere Krisen Überstunden hat. nicht erheben wollten, so ist doch damit noch nicht bewiesen, daß die von Herzl vorgeschlagene Lösung möglich, ja daß sie auch nur der geschichtlichen Entwickelung des jüdischen Stammes und der ihm von der Vorsehung gesetzten Aufgabe angemessen sei. Unseres Erachtens wird der jüdische Musterstaat nur ein schöner Traum bleiben, leider — müßten wir sagen, wenn wir nur unser zeitliches, physisches Wohlbefinden im Auge Hütten — Gott sei Dank! sagen wir, weil wir das Israel der Geschichteals Volk des Geistes auffassen, als Träger eines Gedankens, der eben so weit vom Nationalen entfernt ist, wie der Antisemitismus von der Humanität. — Um

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.