Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 16 (1896)
- Issue
- Heft 5 (1.5.1896)
- Date
- 1896-05-01
- Page
- Seite 120 (sequence 24)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/2969669-2969823-2969829--4779-2974054- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
120 einen Staat zu bilden, muß ein Volksstamm gewisse Eigenschaften, nicht nur edle sondern auch rohe besitzen, welche das jüdische Volk in der zweitausendjährigen Zerstreuung abgestreift hat. Gerade die rohen Instinkte der nationalen Selbstsucht, des Hasses alles Fremdländischen, der kriegerischen Grausamkeit sind zur Bildung eines Staates, und sei seine Neutralität auch zehnmal von den europäischen Mächten garantiert — notwendig. Was man in 2000 Jahren verlernt hat, kann man nicht über Nacht wieder einbringen. — „Die Frage der Judeuwanderung" soll durch diese Schrift zur allgeineinen Diskussion gestellt werden. „Wer mit will, stelle sich - hinter unsere Fahne, und kämpfe für sie in Wort, Schrift und That." — Nun denn, wäre unser Stamm reif für einen nationalen Staat, so hätte es wie ein elektrisches Fluidum durch die gesamte Judenheit fahren und ein vieltausendstimmiges Echo hätte diesem Apell an das nationale Bewußtsein antworten müssen. — Aber es bleibt still auf allen Seiten, nichts regt sich, nicht einmal die Strenggläubigen stimmen zu, sie, die doch täglich um die Wiederaufrichtung der alten nationalen Herrlichkeit beten. Wir glauben, das Nichteintreten der Folgen, welche der Verfasser von seiner Schrift erwartete, ist die beste Kritik. Wir können es uns also ersparen, uns kritisch auf Einzelheiten einzulassen, obwohl manche Flüchtigkeit geradezu dazu heraussordert. — So hat z. B. der Verfasser die wichtige Frage des Menschenmaterials in einer halben Seite mit einigen allgemeinen Wendungen abthun zu können geglaubt; er hat es ferner nicht der Mühe wert gefunden, darüber nachzudenken, ob auch der Flächenraum Palästinas für den neuen Judenstaat ausreichen würde. Aber wir wollen dies dein Autor nicht so sehr anrcchnen, finden sich solche Flüchtigkeiten doch fast immer in Schriften dieser Art. Wir wollen gern zugestehen, daß durch die Broschüre Herzl's ein großer Zug geht und daß sie es wert ist gelesen zu werden von allen Denkenden unter uns. Manches können wir aus ihr lernen; vor allen Dingen ein wenig Selbstachtung, die uns heute mehr als je nötig ist, um den uns aufgedrungenen Kampf zu hestehen. Hätte die Schrift Herzl's auch nur dies bewirkt, so hätte sie genug gethan. Dr. Gustav Weinberg. Inhalt: Ansprache all den Berbandstag der Synagogengemeinden Westfalens, (betreffend die Herausgabe des zweiten Teils des Gebetbuches) gehalten zu Bochum am 6. Oktober 1895 von Rabbiner Pl\ Bogelstein. — Bülkerpsychologische Betrachtungen über das Judentum. Nach einenl Bortrage gehalten von Geh. Regierungsrat Prof. Pr. Lazarus. — „Die Sulamith" ein Beitrag zur Geschichte der jüdischen Journalistik und zur Biographie des herzoglich anhaltischen Schuldirektors Pr. David Frünkel in Dessail. Bon L. Horwitz, Dessau. — Aus dem westfälischen Gemeindeverbaud. — Monatsschau. — Theater, Musik und bildende Kunst. — Referate und Mitteilungen. Verantwortlicher Redakteur und Herausgeber Rabbiner Pr. Adolf Brüll; in Kommission für den Buchhandel bei Franz Benjamin Auffarth; Druck und JnseraPAnnahme: H. L. Brönner's Druckerei (F. W. Breidenstein), sämtlich in Frankfllrt am Main.