Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 16 (1896)
- Issue
- Heft 5 (1.5.1896)
- Date
- 1896-05-01
- Page
- Seite 105 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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105 es um der Sache willen, und das Verdienst der Väter stehe ihm bei. Ich sichere euch großen Lohn, als ob ihr es selbst gethan habt." Was bedeutet diese Stelle? Der Talmud spricht hier von der Kulturarbeit, welche um ihrer selbst willen ausgeübt werden muß. In der Kultur giebt es keinen sprungweisen Fortschritt. Alles muß auf Überlieferung aufgebaut werden. Das heißt: Und das Verdienst der Väter steht ihnen bei. Aber auch in späterer Zeit werden andere kommen, welche auf die von euch gewonnenen Resultate weiter arbeiten werden. Dies meint der Talmud mit den Worten: Und ich sichere euch großen Lohn, als ob ihr /s gethan habt; man wird eurer gedenken. Also auch hier finden wir das stete Fortschreiten der geistigen Überlieferung von Geschlecht zu Geschlecht. Aber, wird man fragen, findet sich diese Kontinuität des Geistes nicht auch bei anderen Völkern? Ein Beispiel möge genügen. Die Deutschen gelten heute mit Recht als das erste Kulturvolk der Welt, und bekanntlich erlebte die deutsche Litteratur im 12. und 13. Jahrhundert ihre erste Blüthezeit. Wer kennt heute nicht Dichter wie Wolfram und Eschenbach, Walter von der Vogelweide und Gottfried von Straßburg? Und doch vor 150 Jahren waren in ganz Deutschland nicht drei Männer, welche etloas von diesen Dichtern wußten und nicht einer war im Stande, ihre Gedichte zu lesen. Erst in unserem Jahrhundert ist der historische Sinn rege geworden. Höchst bezeichnend für die Charakteristik der verschiedenen Völker sind auch ihre Erzählungen von der Herkunft ihrer Gründer. Bei allen Nationen schwebt der Begründer in Lebensgefahr, wahrscheinlich wollte man damit sein Ansehen erhöhen. Bei den Römern wird der dem Tode preisgegebene Stammheros von einer Wölfin gerettet. Diese römische Nation hat den Wolfscharakter in ihrer ganzen Geschichte beibehalten; und der fast verhungernde Gründer der sanften, ruhigen, griechischen Nation wird von der sanften Ziege gesäugt. Auch der Begründer der jüdischen Nation, Mose, schwebt in Lebensgefahr. Aberwer ist es, der ihn vom Verhungern rettet? Seine eigne Mutter ist es, die ihn aufzieht. Ist hier nicht die ganze Eigenthümlichkeit des jüdischen Volkes, sein von allen Seiten anerkannter bedeutender Familiensinn angedeutet? Und nun zum Schluß sei noch auf eine Thatsache hingewiesen. Bei fast allen Völkern finden wir die Vorstellung von einem goldenen Zeitalter, welches einmal gewesen. Auch bei den Juden findet sich diese Vorstellung in der biblischen Erzählung vom Garten Eden ausgedrückt. Aber in der ganzen Litteratur, bei keinem Propheten und bei keinem Psalmisten, wird wieder auf dieses Paradies zurückgegriffen. Dagegen ist in der Litteratur der Propheten und Psalmisten wohl von einem goldenen Zeitalter später die Rede, aber, und dies ist das Charakteristische, das Paradies liegt nicht in der Vergangenheit, sondern wird in der Zukunft erstehen. Eine weitere Eigenthümlichkeit dieses goldenen Zeitalters ist es,