Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 16 (1896)
- Issue
- Heft 5 (1.5.1896)
- Date
- 1896-05-01
- Page
- Seite 104 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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104 und ich will reden, und vernehme es, Erde!" Bei den Griechen im Monolog der Elektra, welcher an Schönheit den ersten Monolog der Iphigenie weit übertrifft, heißt es: „O heiliges Land und erdumgürtete Luft." Ihr Gesichtspunkt reichte also nicht über den eignen Horizont hinaus. Der Prophet Jeremias wird jedoch zum „Nabi hagojim," zum Propheten aller Nationen, berufen. Ein anderes völkerpsychologisches Faktum. Die Völkerpsychologie kann keine eigenen Thatsachen erfinden, sondern nur aus den bekannten Ereignissen durch Vergleichung mit anderen Völkern die richtigen Schlüsse ziehen. Fast alle Kulturvölker, wie Egypter, Perser und insbesondere die klassischen Völker, die Griechen und Römer, haben Töchterkulturen gegründet, als sie zu Grunde gingen. Seit der Renaissance haben wir zum Maßstab unseres Schönheitsideals die griechische Anschauung über Schönheit gemacht, und in der Philosophie, besonders in der Geschichte des Werdens ihrer eigenen Forschung spielt die griechische Philosophie noch heute eine bedeutende Rolle, und in der Kriegsführung mancher Völker nimmt noch heute die Phalanx einen großen Platz ein. Noch mehr hat die römische Kultur die Tendenz der Umbildung verfolgt. Man ist heute endlich dabei, für das Deutsche Reich ein bürgerliches Gesetzbuch zu verfassen, welches dem germanischen Rechtsbewußtsein Rechnung tragen soll; bis dahin hat bei uns, wie in vielen andern Ländern, das römische Gesetzbuch, vermischt mit den altgermanischen Rechtsanschauungen geherrscht. Aber keines der Völker hat Töchterreligionen hervvrzurufen gewußt, einzig und allein dem Judentum ist dies gelungen. Und wie viel idealer Gehalt ist nicht von der Mutterauf die Tochterreligion übergegangen! Werden nicht heute noch Millionen von Kindern, welche außerhalb des Judentums stehen, in der biblischen Geschichte unterrichtet und ertönen die Psalmen nicht auch in den Kirchen und Moscheen? Aber umgekehrt darf auch die Rückwirkung der Tochterauf die Mutterreligion nicht gering geschätzt werden. Es sei darauf hingewiesen, daß die Blüthe der biblischen Wissenschaft in den letzten 100 Jahren nur bei den Protestanten zu finden ist. Welches ist der innerste Grund für diese beispiellose Zähigkeit? Nun, die Geschichte giebt uns Antwort: es ist die Kontinuität des Geistes, die stetige Überlieferung des Geistes von Geschlecht zu Geschlecht. Noch heute, nach so vielen Tausend Jahren, segnet der jüdische Familienvater oder die Mutter die Kinder mit den Worten: „Gott lass? dich werden wie Ephraim und Manasse," mit diesem uralten Segen des Partriarchen Jakob. Als Boas die Ruth heirathete, kommen seine Freunde und beglückwünschen ihn mit den Worten: „Es möge werden dein Haus wie das Haus des Perez," eine Geschichte, welche über 1500 Jahre zurück spielt. Im Talmud findet sich folgende dunkle Stelle: Rabbi Gamliel, der Sohn Jehudas Hanasi sagte: Wer sich mit öffentlichen Dingen beschäftigt, thut