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Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen · 1896-05-01 · Heft 5 (1.5.1896) · p. Seite 103

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Journal
Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
Volume
16 (1896)
Issue
Heft 5 (1.5.1896)
Date
1896-05-01
Page
Seite 103 (sequence 7)
Language
German
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tmils konnte die Völkerpsychologie entstehen, welche nicht wie sonst nur den einzelnen Menschen, sondern das ganze Volk in den Kreis ihrer Betrachtungen zieht, ja über das eigene Volk hinaus geht. Alle Völker des Altertums, insbesondere die klassischen, betrachten in ihren Legenden und Allegorien nur die eigenen Völker, die anderen Nationen sind für sie stumm, welches ja die eigentliche Bedeutung des Wortes „Barbaren" ist. Etwas anderes ist es im Judentum. Die Aufstellung einer Völkertafel ist schon ein bedeutendes völkerpsychologisches Faktum; noch bedeutender ist der Ausspruch Genesis 5,1: „Dies ist die Geschlechtsfolge des Adam." Mit Recht sagt der Talmudlehrer Ben Asai, daß dieser Ausspruch weit über den Grundsatz „Liebe deinen Nächsten wie dich selbst" geht. Daß es eine Menschheit giebt, daß sie einen Schöpfer hat, das ist das große völkerpsychologische Faktum, dies ist der große Fortschritt gegenüber dem Barbarentum der Griechen. Die heutigen völkerpsychologischen Betrachtungen kann ich nur als einen kleinen Ausschnitt aus einem großen Kreise bezeichnen. Als Ziel der völkerpsychologischen Betrachtung des Judentums ist die Stellung desselben im idealen Haushalt der Menschheit anzusehen. Zu diesem Zweck muß man aber genau den idealen Haushalt der Menschheit kennen. Ich will mich aber nur darauf beschränken, einige völkerpsychologische Fakta aus dem Judentum mitzuteilen. Als die Menge der Nachkommen Jakobs aus Egypten zog, da hat sie kaum den Namen „Volk" verdient, denn von einer staatlichen Organisation kann man wohl nicht gut sprechen. Auch ihr erster Führer ist durchaus kein Organisator gewesen. Die erste Organisation, welche das Volk erhalten, stammt von seinem Schwiegervater, einem Nichtjuden. Diese Erzählung der Bibel beweist, wie sehr mau hu Judentum an die Selbstkritik gewöhnt war. So offen wie in der Bibel haben die Völker über eigene Vorzüge vielleicht nie geredet. Kaum irgend ein Volk hat so strenge Abschließungsmaßregeln gegenüber den andern Völkern gehabt, als in der jüdischen Gesetzgebung vorgesehen waren. Man hat vielfach dem Judentum diese Abschiießung zum Vorwurf gemacht, aber die Juden mußten sich abschließen, um universal zu werden. Da alle Völker national waren, mußte sich eines von den andern trennen, damit es zur Universalität gelange. Nach einer Erzählung des Talmud wurde dasselbe Gesetz das die Juden erhalten, in 70 Sprachen gegeben und nach der Ansicht des Talmud gab es damals überhaupt nur siebzig Sprachen. Dem einen Volke mußte es gegeben werden, damit es alle verlangen. Dieser universalistische Gesichtspunkt reicht bis in die früheste Zeit hinauf und ist nicht nur bei den Propheten vertreten. Alle Götteranschauungen hatten den Fehler, daß sie den Göttern nur ein lokale Macht zuschrieben. Bei den Griechen war Pallas Athene in ihrer Macht nur auf Athen beschränkt und bei den Römern waren es die „Penaten," Hausgötter, deren Macht sogar über die Jupiters ging. Dagegen wandte sich das Judentum. Der Prophet Mose sagte: „Höret, Himmel,

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