Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 16 (1896)
- Issue
- Heft 5 (1.5.1896)
- Date
- 1896-05-01
- Page
- Seite 100 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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100 Gleichwohl werden unsere Bestrebungen der Verkennung und Verdächtigung nicht entgehen. Aus dem Lager der Starrgläubigen werden wiederum, wie anläßlich der Herausgabe des ersten Teiles unseres Gebetbuches, lärmende Kampfesrufe an unser Ohr dringen, man wird das Judentum in Gefahr erklären, weil wir uns herausnehmen, für unsere Gesinnungsgenossen, die an dem alten Machsor, seinen Opfergebeten und seinem kabbalistischem Beiwerk kein Gefallen finden, ein ihren Anschauungen und ihrem Geschmack zusagendes Gebetbuch zu besorgen. Das darf uns aber nicht irre machen. Wir drängen Niemand unsere Ansicht auf, überlassen es vielmehr dem freien Ermessen der einzelnen Gemeinden, selbst zu entscheiden, ob das bisher benutzte Machsor, oder ob unser Gebetbuch in würdigerer Weise ihren religiösen Bedürfnissen Befriedigung verschafft, aber wir lassen uns durch wüsten Lärm nimmermehr einschüchtern, wir wissen, was wir wollen, wir haben über die Aufgabe und die Ziele des Judentums sorgfältig nachgedacht und sind entschlossen, mit Pietät, mit Besonnenheit, aber auch mit unerschütterlicher Beharrlichkeit auf dem betretenen Wege vorwärts zu schreiten. Wir betrachten das Judentum nicht als eine Ruine, die nur ihres hohen Alters und ihres eigentümlichrn Baustils wegen Bedeutung hat und der Erhaltung wert ist, sondern als ein für die Ewigkeit bestimmtes Gebäude, dessen Grundveste nimmer wankt, das aber in seinem Innern so eingerichtet sein soll, daß wir gern darin verweilen, uns daselbst wohl fühlen und zu Höherem emporgehoben fühlen. Wir wollen ein lebenskräftiges Judentum, das in der Vergangenheit wurzelt, in den Stürmen der Gegenwart Schutz gewährt und saftig und frisch in die Zukunst hineinragt. Wir bringen dem durch die Vergangenheit Geheiligten Ehrfurcht und schonungsvolle Rücksicht entgegen, wollen aber nicht, daß die Erinnerungen früherer Tage uns eine Fessel werden, an der wir mühsam herumschleppen, und die auf Schritt und Tritt uns hindert. Aber der Gemeindefrieden, wendet man ein, — könnte der nicht gestört und aufs Spiel gesetzt werden durch die Einführung eines neuen Gebetbuches? Soll die friedliche Entwickelung der Gemeinde aufgehalten werden durch den Streit, der die Gemüter bewegen wird, wenn man die Minderheit zwingt, sich dem Willen der Mehrheit zu fügen und an den hochheiligen Feiertagen die Andacht in geänderter Form zu verrichten? Nun — gewiß ist der Gemeindefriede und die Einigkeit ein so hohes Gut, daß man um seinetwillen auf manchen Wunsch verzichten, nianche Reform hinausschieben muß. Aber ist das wirklich ein friedlicher Zustand, wenn die Mehrheit der Gemeinde sich im Gottesdienste unbefriedigt fühlt, wenn die Jugend im Gotteshause keine Erbauung mehr findet, wenn sie die gemeinsame Andachtsstätte meidet,