Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 16 (1896)
- Issue
- Heft 5 (1.5.1896)
- Date
- 1896-05-01
- Page
- Seite 99 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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«9 Die Gebetordmmg für den Versöhnungstag ist so eingerichtet, daß sie den ganzen Tag ausfüllt. Ich möchte bei dieser Gelegenheit bemerken, daß ich von der Ansicht ausgegangen bin, eine Unterbrechung des Gottesdienstes durch eine Pause sei möglichst zu vermeiden, es sei denn, daß hygienische Rücksichten «Epidemien, beschränkte Tempelräume) dazu zwingen. Die Weihe des hohen Tages leidet unzweifelhaft durch eine Pause, die ja naturgemäß durch weltliche Gespräche und Zerstreuungen ausgefüllt werden würde. Es liegt auch die Gefahr nahe, daß durch eine offizielle Unterbrechung der Andacht manche Besucher des Gotteshauses, zumal in großen Städten, in denen oftmals ein weiter Weg vom Tempel bis zur Wohnung zurückzulegen ist, zu Zerstreuungen veranlaßt wiirden, die der Heiligkeit des Versöhnungstages direkt widersprechen und die Gefühle der Frommen verletzen. Die Liturgie dieses Tages bietet durch Gesänge, religiöse Betrachtungen, Seelenfeier und dergleichen eine so reiche Abwechslung, daß die Andacht während des lang ausgedehnten Gottesdienstes rege bleibt, und daß die überwiegende Mehrheit bis zum Schluffe in feierlicher Stimmung erhalten wird. Wir dürfen darum wohl der zuversichtlichen Hoffnung Raum geben, daß durch die Herausgabe des zweiten Teils unseres Gebetbuches nicht nur ein in vielen Kreisen seit langer Zeit empfundenes Bedürfnis seine Befriedigung findet, sondern daß wir hierdurch auch den frommen Sinn fördern lind namentlich der Jugend und dem weiblichen Geschlecht einen wertvollen Dienst leisten und so der überhandnehmenden Gleichgültigkeit gegen die Religion wirksam entgegenarbeiten. Denn es läßt sich nicht leugnen, daß sowohl an dem Inhalt, wie an der Form mancher Gebete vielfach Anstoß genommen wird, und daß die Wahrnehmnng, es seien in den Gebeten mitunter Gedanken und Wünsche enthalten, die unseren Anschauungen nicht entsprechen, und die auch in der Form, in der sie zum Ausdruck gelangen, den Anforderungen eines geläuterten Geschmackes nicht genügen, dazu beigetragen hat, die Jugend dem religiösen Leben zu entfremden und ihr den Besuch des Gotteshauses wenig begehrenswert erscheinen zu lassen. So ungerechtfertigt es nun an sich sein mag, um einzelner Bedenken >villen auf jegliche Erbauung und religiöse Belehrung zu verzichten, so muß doch mit dieser Thatsache gerechnet werden, und wer den Versuch macht, hier bessernd nild helfend einzugreifen, erwirbt sich den Dank aller wahrhaft Frommen und Gottesfürchtigen, deren Blick in die Zukunft gerichtet ist, und die den sehnlichen Wlinsch hegen, daß unsere religiösen Einrichtungen auch in kommenden Tagen ihre segensreiche Kraft noch voll bewähren mögen.