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Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen · 1896-03-01 · Heft 3 (1.3.1896) · p. Seite 59

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Journal
Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
Volume
16 (1896)
Issue
Heft 3 (1.3.1896)
Date
1896-03-01
Page
Seite 59 (sequence 11)
Language
German
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59 Und man wird fortfahren und sagen: Wir sind Söhne einer neuert Zeit und wir werden vom Geiste dieser neuen Zeit getragen und getrieben. Wir schieben nicht, wir werden geschoben. Wir selber dürfen nicht als Unfreie, als hinter der Zeit Zurückgebliebene und als Engherzige durch die Welt gehen, und wir dürfen auch nicht und wollen auch nicht durch unser Fernbleiben von den liberalen Religionskongressen uns ein Gebiet der Wirksamkeit verschließen, auf das hinzutreten uns heilige Pflicht sein muß, weil wir daselbst segnend, aufbauend im jüdischen Geiste wirken können u. s. w. So stehen sich denn heutzutage die Parteien im amerikanischen Judentume einander gegenüber, an einem Scheideweg sind sie angelangt, und hier gehen die Wege auseinander. Eigentlich waren aber ähnliche differierende Meinungen schon im frühen Altertum Israels zum Ausspruch gekommen. Schon frühzeitig fluteten in Israel zwei Strömungen nebeneinander her. Schon unter den Propheten gab es einerseits Solche, welche die Schranken zwischen Israel und den übrigen Völkern nicht für alle Ewigkeit bestehen lassen wollten, und auf der andern Seite Solche, welche Hauptnachdruck auf fortdauerndes nationales Fürsichbestehen des israelitischen Volkes legten. Wie ganz andern Charakters ist doch die Denkweise des Propheten Jesaias, der in seiner Rede Schwung es aussprach, daß Gottes Tempel ein Haus des Gebetes sein werde für alle Völker, daß auch ans den nichtjüdischen Völkern Gott sich Priester und Leviten erwählen werde, u. s. w., und die Denkweise des Propheten Jecheskel, der den Söhnen der Fremde, den Unbeschnittenen den Zutritt zu seinem im Geiste erschauten neuen Tempel nicht gestattet haben wollte! Wie verschieden ist doch der erhabene Gedankenflug des universalen Micha von der engeren Umschau des mehr nationalen Maleachi! Doch kehren wir zur Gegenwart zurück. Es ist eine Zeit der Gährung, iit der wir leben, hoffentlich wird auch die Zeit der Klärung nicht ausbleiben. Manches ist geschwunden und Manches wird schwinden, was uns Alten lieb und teuer war, und was wie mit tausend Fasern uns ins Genlüt hinein gewachsen war. Was uns schmerzt, wird von Andern vielleicht froh begrüßt werden. Doch das sind persönliche Stimmungen, und weder unsere Trauer noch die Freude der Anderen ivird an der Sache viel ändern. Wir stehen in einer Strömung und wir können sie nicht eindämmen und zurückdrängen. Da gilt es denn, das Wort Spinozas zu beherzigen, daß man über nichts iu bewundernde Extase geraten solle, und auch über nichts indigniert sein solle, sondern daß man alles Seiende und Werdende in Gemütsruhe zu begreifen suche.

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