Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 16 (1896)
- Issue
- Heft 3 (1.3.1896)
- Date
- 1896-03-01
- Page
- Seite 56 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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56 Das aber haben viele der Reformer verkannt. Das Judentum, so sagten sie, ist bloß eine Kirche, nicht ein Stamm. Dieser Satz könnte wohl als Norm gelten für eine einzuschlagende Richtung, als Programm für eine anzustrebende Neugestaltung, nicht aber kann er darauf Anspruch erheben, er sei die Feststellung des wirklich bestehenden Sachverhalts. Auch David Einhorn, und er ganz besonders, war ein Religionslehrer, der in seinem Gebetbuche, in seinem Religionslehrbuche, in seinen Predigten unermüdlich und mit Schärfe die Behauptung verfocht, die Juden seien ein Stamm, — ein Stamm, der von Gott mit besonderen Stammeseigentümlichkeiten, d. h. mit besonderen volkspsychologischen Gaben ausgerüstet worden sei, die es ihm ermöglichen, die ihm von Gott gewordene Aufgabe zu lösen und zu erfüllen, und die ihn befähigen, der Menschheit voranzuschreiten und dieselbe aufwärts zu leiten zu den Höhen reinerer Gotteskeuntnis und reinerer Lebensführung. Und die Nachkommen Abrahams — so sprach Einhorn weiter des Öfteren sich aus — müssen bis zur Erfüllung ihrer hohen Aufgabe ein besonderer Stamm bleiben. (Siehe z. B. Einhorns „Lehre des Judentums", § 87 und § 89, u. a. a. O.) Weil aber Einhorn so schweren Nachdruck auf das Stammestum der Juden legte, deshalb war er auch ein entschiedener Gegner der Mischehen, und deshalb äußerte er sich in der ihm eigentümlichen scharfkantigen Sprache: Gemischte Ehen sind ein Nagel zum Sarge des Judentums. Denn — so folgerte er — gemischte Ehen werden, wenn sie zahlreich überhand nehmen, dazu führen, daß Juden und Nichtjuden sich vielfach assimilieren und daß die bezüglichen Familien von den nichtjüdischen Volksteilen, in deren Mitte sie leben und denen sie sich durch Familienbande anschließen, vielfach werden absorbiert werden. Dadurch aber daß sie aufhören, Staimnesgenossen zu sein, werden sie aufhören, Juden im religiösen Sinne des Wortes zu sein. Einhorn war gewiß in einer Hinsicht einer der gewaltigsten und einflußreichsten Känipfer für das, was man Reformjudentum nennt. Er und Holdheim und Samuel Hirsch waren es, welche im Vordertreffen standen und welche am allerentschiedensten den Grundsatz bekämpften, daß das Judentum seine Wesenheit in einem Komplex von Gesetzen habe, die nicht angetastet werden dürften, und welche durch ihr geschriebenes und gesprochenes Wort dafür kühn in die Schranken traten, daß das „Joch der Gesetze", welches die Bekenner des Judentums nur Niederdrücke und belaste, anstatt sie zu erheben und aufwärts zu führen, gebrochen werden müsse. Und nach dieser Seite hin steht Einhorn fast einzig da. Aber gegenüber den Fragen: Sind wir ein Stamm oder sind wir eine von Stammesbanden freie Kirche? Und wie müssen wir uns gemischten Ehen gegenüber verhalten? — gegenüber diesen Fragen war er in gewissem Sinne ein entschieden nationaler Jude, ein Stammesjude. Wie ganz anders war die Stellung Geigers in Bezug auf diese prin-