Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 16 (1896)
- Issue
- Heft 2 (1.2.1896)
- Date
- 1896-02-01
- Page
- Seite 47 (sequence 23)
- Language
- German
- Belongs to
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47 merei und religiöse Beschränktheit. Übrigens trinkt er selbst, wie schon zu Anfang erwähnt aus dem Quell, der den von ihn befehdeten Dogmengläubigen einzig Labung darbietet , — aus der Bibel. Da muß nun freilich gesagt werden, daß er den Feingehalt dieses edlen Quells zu würdigen weiß, daß er die Worte und Erzählungen der Bibel geistvoll, poetisch auffaßt. Ihn begeistert die Bibel, wie ihn eben im Reiche des wirklichen Lebens und im Reiche des Gedankens, in Natur und Kunst, alles Schöne und Große begeistert. Hierher gehören Gedichte wie: Adam, Eva, Der göttliche Schöpfer, Abraham's Tod, Mose, Miriam (Genesis 32) und die Versuchung, eine durchaus antikirchliche und geistreich aufgesaßte Erzählung von der Versuchung Jesu, deren Schlußworte, ein dankbarer Ausruf desselben: „O Mose, du mein Retter! Da ich wanke giebst du mir neues Leben, Mut und, Kraft, dein Wort hat mich des Zweifels Schlund entrissen! sehr bemerkenswert erscheinen. — Die Liebe spielt keine kleine Rolle in L.'s Poesie und hat eine achtenswerte Anzahl glühender und elegischer Liebesgedichte hervorgebracht, welche das Interesse des Lesers zu fesseln verstehen. Wir können uns aber hier ebenso wenig auf diese Gattung der Poesie einlassen, als auf eine andere, die schildernde, welche uns interessante, dem Leben abgelauschte und von der Phantasie erzeugte Bilder vorführt, sondern fahren fort die charakteristischsten Seiten zu beleuchten. Frei will der Dichter sein! Soll er aber in Überschwang kraftvollen Selbstbewußtseins keinen, gar keinen Zügel über sich erdulden? — Nein! Hören wir ihn selbst: „Das Leben-soll mir keine Schranken schichten, doch in der Kunst soll sich mein Nacken schmiegen, der Schönheit will ich fromm zu Füßen liegen, der Ewigen mein Ewiges verpflichten." Und die Kunst unter deren sanftes Joch sich der wilde Genius beugt, sie ist das Höchste, Allumfassendste, sie ist die Quintessenz des Lebens, sofern von ihr das Wort unseres Dichters gilt: „Liebend schmiegt sich Natur heißer Umarmung Apoll's". Daß diese Kunst wahrhaft allmächtig ist, dgß sie, wie der Dichter sich ausdrückt, „der Wunder Fülle erzeugt", können wir am besten an ihm selbst sehen, an ihm dem Atheisten, dem Ungläubigen, der beim Anblick von Raffaöl's seelenvoller „Madonna del Granduca" begeistert ausruft: „Mutter und Jungfrau zugleich! Der Zweifler wird hier zum Apostel! du, o allmächtige Kunst, Zauberin du, Poesie, gürtest in Schönheit und Licht, verwandelst in Wahrheit das Tollste und, was kein Dogma erzwingt, ist deinen! Stabe ein Spiel.,,