Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 16 (1896)
- Issue
- Heft 2 (1.2.1896)
- Date
- 1896-02-01
- Page
- Seite 46 (sequence 22)
- Language
- German
- Belongs to
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46 schauung nennen: Materialismus? Pantheismus? Naturalismus? Aber das sind alles nur fast- und kraftlose Schlagworte. Vergönnen wir dem Dichter selbst das Wort: „Mein Schwesterlein, der Sonnenball, mein Bruder, der Azur, die Mutter, sie gebar das All, die göttliche Natur! Mein Herzschlag ist die Ewigkeit, niein Lieb der Zeiten Pracht, wie reich ist meine Sterblichkeit, wie hell ist meine Nacht!" Am besten könnte man Lindheimers Richtung mit dem Worte Jdealmaterialismus bezeiämen. Man stoße sich nicht an das Wort, dessen scheinbar paradoxer Sinn klarer werden wird, wenn man die seinem Geistesverwandten Ludwig Feuerbach zugernfenen Worte liest, die auch in vollem Maße auf den Dichter selbst passen. „Dein Glaube sah das Ideal getrost als steh'nde Zinne im goldnen Zukunftsonnenstrahl, und Gäa war doch dein Gemahl, Dein Heim die Welt der Sinne! Träum' ich mich auch zum Wolkenflug, bleib' ich doch unverloren der Göttin, der dein Busen schlug. Die Erde sei mir gut genug, sie hat mich ja geboren!" Warum auch in spiritualistischen Scheinidealismus verfallen! Die Wirklichkeit, die Welt der Sinne ist ja so schön! „Kraft blüht und Poesie im Irdisch-Vollen sie leugnen heißt die Menschen schänden, schwächen, Tod impfen in das warme Blut des Lebens". Man sieht, Lindheimer ist das, was man mit dem furchtbar klingenden Worte Atheist bezeichnet. Nun, man braucht diese Glaubensrichtung ja nicht gerade zu der seinigen zu machen, aber fürwahr eine atheistische Welt- und Lebensanschauung, die von so inniger Humanität beseelt, von so philosophischem Geiste durchdrungen, von so hellenischer Schönheit gesättigt ist, verdient die Achtung jedes Gläubigen. Freilich ist der Dichter selbst nicht immer tolerant. Ein so guter Satiriker er auch ist, er geht oft zu radikal vor und geißelt manchmal auch Bestrebungen, in denen ein edler Kern ist. Unerbittlich ist er gegen unklare Schwär-