Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 16 (1896)
- Issue
- Heft 2 (1.2.1896)
- Date
- 1896-02-01
- Page
- Seite 32 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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32 Die ursprüngliche und immer neu sich bewährende Lebenskraft war der Glaube an die Gottheit, welche als allmächtig und alleinig, aber auch als allgerecht, allgütig, allweise, und allwahrhaft angesehen wurde. Dieser Glaube erwies sich, nach vielen Verirrungen und Anfechtungen, schließlich als ein fest begründeter bei dem Reste des Volkes, welcher zuletzt den jüdischen Staat bildete. Dieser Glaube war unerschütterlich, da man ihn für einen von der Gottheit durch Moses offenbarten hielt, und man aus derselben Offenbarung auch die Zuversicht schöpfte, daß die Nachkommen Abrahams zu alleinigen Trägern dieses Glaubens für alle Zeiten eingesetzt sind. Der erleuchtete Teil der jetzigen Kulturvölker bekennt sich zu der Ansicht, die ich mit den folgenden Worten eines christlichen Theologen ausdrücke: „Es ist das Eigentümliche von Vielem, was sich in der Religionsüberlieferung „als geschichtlich giebt, daß der geistige Inhalt, der darin angeschaut wird, die „Hauptsache ist/' (Das Christentum und die Geschichte Dr. A. Harnack.) Der unparteiische und objektiv denkende Teil unserer jetzigen Theologen muß zugeben, daß der geistige Inhalt des alten Testaments, von Stufe zu Stufe geläutert, vor Beginn der Zeit, die später als Anfang der neuen Zeitrechnung galt, die höchste Stufe ethischer Anschauungen schon erreicht hatte. Das unbedingt Gute, Überzeugende und Ersprießliche der im neuen Testament enthaltenen Lehren ist im alten Testament schon enthalten oder angedeutet. Daß der im neuen Testament enthaltene Unsterblichkeitsglaube nicht neu und nicht unbedingt ersprießlich war, werde ich später beweisen. Der von christlicher Seite erhobene Vorwurf, daß die jüdischen Weisen und Propheten den nationalen Standpunkt zu sehr hervortreten ließen, wird hinfällig, wenn man bedenkt, wie auch jetzt noch, und in letzter Zeit ganz besonders, dieser nationale Standpunkt bei den meisten Nationen dominiert und sogar bei religiösen Fragen eine große Nolle spielt. — Daß dabei die Juden etwa allgemein ihren Gott für einen Nativnalgott, einen Gott neben andern Göttern hielten, ist. durchaus falsch, da es schon im zweiten Buch Mose (19, 5) heißt: „Denn die ganze Erde ist mein". Wer will es den Juden verargen, wenn sie, nach ihren Traditionen die von Gott eingesetzten Träger des reinen, wahren Glaubens, gestützt ans die Hoffnungen, die ihnen von ihrem — ihrer Meinung nach von Gott inspirierten — Sehern ein geflößt waren, ihr Vertrauen auf eine glänzende Zukunft auch für das jüdische Reich aufrecht erhielten? Es kam nun der große Wendepunkt in der Geschichte der Religionen, als die beiden Schwesterreligionen, die jüdische und christliche, anfingen, „getrennt zu marschieren", um, wie ich hoffe, dereinst „vereint zu siegen".