Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 16 (1896)
- Issue
- Heft 2 (1.2.1896)
- Date
- 1896-02-01
- Page
- Seite 31 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 98% known words query
- IRI
…/2969669-2969823-2969826--4687-2973959- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
— 31 — Die christliche Religion, welche seit mehr als 1500 Jahren sich des Schutzes der mächtigsten Staaten und der gewaltigsten Priestermacht zu erfreuen hat, wurde trotzdem während dieser Zeit in mehrere große und viele kleine Teile zersplittert. Auch diese großen und kleinen Teile konnten sich nicht intakt erhalten; sie haben fortwährend neue Zersplitterungen erlitten und was jetzt noch' als Teil oder Teilchen vorhanden, ist wiederum nur noch äußerlich verbunden, und innerlich in verschiedene sich befehdende Parteien zerteilt! Dies ist das Los der Kirche, welche seiner Zeit Anspruch darauf machte, die katholische d. h. die allgemeine, allumfassende zu sein oder zu werden! Es ist ganz undenkbar, daß diese Kirche — oder eine der aus ihr hervorgegangenen Konfessionen oder Parteien — die Religion der Zukunft enthält. Es ist aber auch undenkbar, daß hieraus die Religion der Zukunft sich entwickeln könnte. Unter einer Religion der Zukunft ist selbstredend nur eine solche zu verstehen, die dem besseren Teile der Menschheit wieder einen festen, treuen Glauben beizubringen im Stande ist, und daher Angehörige verschiedener Kon-, fessionen neu mit einander verbindet. Wie kann nun aus einer Religion, deren Grundlagen eine fortwährend zunehmende Entzweiung verursachten, eine neue Einigung hergestellt werden? Weit entfernt, die Verdienste des Christentums für die Menschheit zu verkennen, wollten wir nur beweisen, daß die neu verbindende Kraft, diewir von einer Religion der Zukunft zu erwarten haben müßten, innerhalb der positiv-christlichen Anschauungen nie vorhanden war, vielmehr nur neue Gesichtspunkte, die außerhalb des heutigen offiziellen Christentums liegen, eine solche Verbindung Herstellen könnten. Wie ganz anders sieht es mit der jüdischen Religion aus! Auch sie stand unter dem Schutze einer — nach damaliger Anschauung des hebräischen Volkes — glanzvollen Regierung und einer imposanten Priesterschaft. Regierung und Priesterschaft hatten sich sogar mit der Religion ganz und gar identifiziert. Diese Glanzzeit des hebräischen Volkes erweckte in demselben den Rausch, welchen weltliche Macht und weltlicher Glanz bei den Völkern gewöhnlich herbeizuführen pflegen. Aber dieser Rausch war nur ein vorübergehender und mußte meistens durch innere Streitigkeiten, durch Bedrängnisse und Demütigungen zu Ernüchterungen führen. Wir sehen, daß trotzdem der Glanz früherer Zeiten und der begeisterte Trost großer Glaubenshelden im Volke die Hoffnung auf eine spätere glänzende Zukunft aufrechterhalten konnte, eine Zukunft, welche in dem sogenannten Messiasglauben gipfelte.