Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 16 (1896)
- Issue
- Heft 2 (1.2.1896)
- Date
- 1896-02-01
- Page
- Seite 29 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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29 und haben sich zu allen Zeiten individuelle Glaubensfreiheit gewahrt, trotz wiederholter Versuche, Geistesketten für Andere zu schmieden und Gesetzesnornien für Andere niederzulegen. Jeder einzelne Jude hat tiitit einmal seine eigene Religion, wie, nach einem bekannten Ghetto-Sprichwort, jeder einzelne Jude seinen eigenen Schulchan Aruch hat. Wenn es nun allerdings nicht geleugnet werden kann noch soll, daß die Wachthabenden oft genug ihre Dogmen und Satzungen zur praktischen Geltung zu bringen wußten, so haben sie doch mindestens Niemanden, der im. Schoß des Judentums geboren war, exkommuniciert. Auch bei den Orthodoxen galt der Grundsatz: Der Jude, auch wenn er noch so sehr gesündigt, bleibt immer ein Jude. Ja, bei den wahrhaft Orthodoxen galt dieser Satz zu allermeist. Wahrhaft Orthodoxen konnte es nie in den Sinn kommen, gewisse Kategorien von Juden aus dem Judentum hinauswerfen zu wollen. — Denn zu einem solchen Grad von Unwissenheit und Gedankenlosigkeit sind sie doch noch nicht gekommen. Der Jude wird als Jude geboren und bleibt, so lange er lebt, ein Jude. Er >vird nicht erst durch die Vornahnie der Circumeision oder gar erst durch eine Bar-Mizwah- Feier oder durch die Confirmation in den Bund Gottes mit Israel ausgenommen. Sein Eintritt in die Gemeinschaft Israels erfolgt in der Stunde seiner Geburt und durch seine Geburt. Es ist daher auch die Judenheit nicht blos eine Religionsgemeinde und das Judentum nicht blos eine Religion. Die Judenheit ist in erster Linie ein Stamm und das Judentum ist eigentlich die Summe aller volkspsychologischen Eigentümlichkeiten dieses Stammes. Unter diesen volkspsychologischen Eigentümlichkeiten Israels nehmen nun allerdings die Religion und das religiöse Leben die erste Stelle ein, weit mehr als bei irgend einem anderen Stamm auf dem ganzen weiten Erdboden. Aber Judentum im weiteren Sinn des Wortes ist mehr als jüdische Religion, Judentum ist, wiederholen wir es, die Gesamtheit aller volkspsychologischen Eigentümlichkeiten des Judenstammes. Daß der jüdische Stamm kein reiner ist, daß er in uralten Zeiten aus der Vermischung verschiedener Stämnie sich herausgebildet hat, und daß auch in netteren Jahrhunderten einige Wettige aus nichtjüdischem Geblüte durch Zutritt und Anschluß sich in Israel eingebürgert haben, kann nicht gegen die Wahrheit des Satzes sprechen: Die Judenheit ist in erster Linie ein Stamm. Das englische Volk ist gewiß kein reiner Stamm, keine ungemischte Nation; ebensowenig ist es das französische Volk, das deutsche, das italienische Volk. Lassen sich aber deswegen das englische, das deutsche, das französische, das italienische Volk völkerpsychologisch nicht als Nationaleinheiten auffassen? Eine amerikanische Nation giebt's heute in den Vereinigten Staaten noch tiicht, die einzelnen, unter sich verschiedenen Volkselentente und Vvlksstämme fluten immer noch ungemischt nebeneinander dahin. Aber ehe wenige Jahrhunderte dahingegangen sein werden.