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Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen · 1896-02-01 · Heft 2 (1.2.1896) · p. Seite 28

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Journal
Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
Volume
16 (1896)
Issue
Heft 2 (1.2.1896)
Date
1896-02-01
Page
Seite 28 (sequence 4)
Language
German
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28 Ich sah aber auch im Geiste Juden in Berlin und anderwärts, in Chicago und anderwärts, die weder Mystiker noch Schulchan-Aruch-Juden sind, sondern die in jeder Beziehung vollkommen frei und von allem Herkommen vollständig emanzipiert sind, auch sie sind Juden, und Keinem fällt es ein, auch den denkenden Orthodoxen und Historisch-Konservativen nicht oder richtiger: Niemandem sollte es einfallen, sie als Nichtjuden erklären zu wollen. Höchstens einige Ignoranten oder verchristelte, neugläubige amerikanische Juden mögen sich zu dem Urteilsspruch bestimmen lassen: Das sind keine Juden mehr. Es muß nun eine Definition sich finden lassen, unter welcher der Wunderrabbi von Sadagora sowohl, wie der amerikanische Reformrabbiner subsummiert werden kann, und welche zu gleicher Zeit den nichtisraelitischen Unitarianer, den monotheistischen Mohammedaner, den einen einzigen Gott bekennenden Hindu als Nichtjuden aus dem Kreise der wirklichen Juden ausschließt. Meine im Jahre 1887 gegebene Definition lautet: Judentum, als Religion, ist eine heiligende Lebens macht, ruhend auf dem Fundament der Anerkennung einer einzigen und ungeteilten Sittlichkeit bedingenden und Sittlichkeit fördernden Urkraft; eine Lebensmacht, die emporgekeimt ist und sich entwickelt hat unter Israel und den Juden. Judentum ist ferner eine Religion, welche sich solche Bräuche und Gesetze und Institutionen und Erscheinungsformen geschaffen hat, wie sie den jeweiligen örtlichen und zeitlichen Verhältnissen und Lebensbedingungen der Inden angemessen waren. Herr Leo N. Levi, ein hochgeachteter, in Galveston, im Staate Texas lebender jüdischer Jurist, hat vor etlichen Monaten in einer in New-Orleans gehaltenen Rede diese Definition als nebelhaft und unklar, als zu unbestimmt und zu unfaßbar bezeichnet. Gewiß ist sie es für denjenigen, der blos eine besondere Art von Juden im Auge hat, und diese allein gelten lassen will, dem aber der Blick fehlt für das Allgemeine und Ganze. Gewiß ist sie zu unbestimmt und zu unklar und sind ihre Grenzen viel zu weit hinausgerückt für Denjenigen, dessen Gesichtsfeld blos das heute Bestehende, nicht aber das gestern Gewordene und wieder Entschwundene einschließt, der blos ein Verständnis hat für das Sein, nicht aber für das Werden. Wer aber, wie gesagt, das thatsächlich Bestehende in seiner Ganzheit im Auge behält und dasselbe begrifflich erkennen und fixieren möchte, und wer dabei den geschichtlichen Werdeprozeß, aus dem es hervvrgegangen, mit in Erwägung zieht, der wird nicht leicht eine bestimmtere und schärfer umrissene Begriffserklärung geben können, als sie oben versucht worden ist. Im Grunde aber läuft auch diese Begriffserklärung auf einen Satz hinaus, der vielleicht Manchem noch mehr unbestimmt klingen dürfte, auf den Satz nämlich: Das Judentum ist die Religion der Juden. Aber dieser Satz ist doch der wahre und richtige. Die Juden haben Gott sei Dank keine hierarchischen Centralgewalten

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