Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 16 (1896)
- Issue
- Heft 1 (1.1.1896)
- Date
- 1896-01-01
- Page
- Seite 8 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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8 Nach alledem müssen wir uns fragen, ob auch für die Zukunft bei ganz veränderten Verhältnissen, namentlich bei dem Jndifferentismus, der Zaghaftigkeit, Unentschlossenheit, Lauheit und Uneinigkeit der heutigen Juden, der auf ihnen ruhende Fortbestand des Judentums für längere Zeiten gesichert erscheint, nachdem wir uns überzeugt haben, daß Ausrottung und Vertreibung nicht mehr zu befürchten sind. Der Fortbestand der Juden könnte etwa auch durch einen gewaltsam erzwungenen Gesammtübertritt zu einer anderen Religion gefährdet sein. Vom Mohammedismus ist ein derartiger Versuch nicht mehr zu befürchten, da derselbe nicht mehr aktionsfähig ist und auch in den Zeiten seiner höchsten Macht eine Zwangsbekehrung der Juden kaum versuchte. Von christlicher Seite, welche früher mit allen ihr zu Gebote stehenden Mitteln diese Zwangsbekehrung durchführen wollte, ist eine Wiederholung derartiger Versuche auch nicht mehr zu erwarten, da die Spaltung der christlichen Religion, und die Uneinigkeit ihrer Bekenner jeden einheitlichen Schritt in dieser Richtung unmöglich machen. — Partielle Versuche dieser Art, die etwa noch Vorkommen könnten, würden allerdings den früheren heldenmütigen Widerstand von Seiten der Juden nicht mehr finden. Es ist anzunehmen, daß die meisten Juden jetzt, vor die Alternative gestellt. ' Leben, Heimat oder Besitz von der einen Seite, oder ihre Religion von der anderen Seite, zu erhalten, die Religion zu Gunsten jener Güter aufgeben würden. Solche partielle Versuche sind jedoch jetzt nicht mehr zu erwarten, da die Religionsfreiheit in den meisten Ländern gesichert erscheint und vorkommenden Falls auch nicht zu fürchten, da das Judentum in den nicht davon berührten Ländern genügende Vertretung behalten würde. Was wir also oben bei Gelegenheit einer etwaigen Ausrottung oder Vertreibung sagten, findet seine Anwendung auch auf die gewaltsame Bekehrung derselben. Beide Faktoren können den Bestand des Judentums nickt gefährden. Wir haben nun noch zu bedenken, ob der freiwillige Übergang der Juden zu anderen Religionen eine solche Gefährdung erwarten läßt. Der freiwillige Gesamtübertritt ist undenkbar, braucht daher nicht weiter berücksichtigt zu werden. Es bleibt also nur der freiwillige Einzelübertritt zu erörtern, d. h. der Übertritt einzelner Personen, Familien oder kleinerer Gruppen, wie wir ihn ja in neuerer Zeit vielfach und, wenn ich nicht irre, auch in zunehmendem Maße erleben. Der Übertritt der Juden zur mohammedanischen Religion kann jetzt als unwesentlich außer Betracht bleiben und nur der Übertritt zur christlichen Religion, also die Taufe, wäre zu berücksichtigen. Unter den Eigenschaften, welche die Juden durch den Kampf ums Dasein