Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 16 (1896)
- Issue
- Heft 1 (1.1.1896)
- Date
- 1896-01-01
- Page
- Seite 6 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 98% known words query
- IRI
…/2969669-2969823-2969825--4661-2973932- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Neigung etwa allein bei Christen gegen Juden finden; wohin wir heute blicken, finden wir Haß, Streit, Anfeindung zwischen Konfessionen, Nationalitäten, Parteien, Vertretern verschiedener Weltanschauungen u. s. w., wir brauchen deshalb nicht erstaunt und nicht trostlos zu sein, wenn der seit Jahrtausenden bestehende Haß gegen die Juden auch jetzt noch, und in letzter Zeit wieder etwas lauter, nachklingt. Immerhin müssen wir, wenn wir dem Judentum eine Hauptrolle bei etwaiger Begründung einer Religion der Zukunft zuerteilen möchten, uns zunächst vollends zu überzeugen suchen, daß dessen Bestand auf lange Zeit hinaus gesichert ist, da auch eine Religion der Zukunft lange Zeit zu ihrer Entwicklung brauchen wird. Die Juden und ihre Religion bilden, vereinigt, das Judentum. Ohne Juden keine jüdische Religion, ohne jüdische Religion keine Juden! Der Fortbestand des Judentums ist ohne Fortbestand der Juden, sowie auch ihrer Religion nicht denkbar. — Die Juden sind in dieser Beziehung nicht mit anderen Völkern zu vergleichen, oder vielmehr gar nicht als Volk im gewöhnlichen Sinne des Wortes zu betrachten, da z. B. das spanische Volk, wenn es ganz und gar protestantisch würde, immer noch das spanische Volk bliebe — schon als Angehörige des spanischen Staates — während die katholische Religion auch ohne Spanien weiter besteht, da sie noch andere Völker umfaßt. Die Juden erscheinen in der Geschichte der Menschheit als die einzige Genossenschaft, welche nach ihren Traditionen und ihrer Geschichte, sowie nach der durch dieselbe gewonnenen Lebensstellung, als eine Familie, eine Rasse, ein Volk — in dem vorher erläuterten Sinne — und als Vertretung einer einzigen Religion zu betrachten ist. Die vollständige Erhaltung dieser Stellung durch Jahrtausende mag dem gläubigen Juden wohl die Überzeugung bringen, daß er Mitglied eines auserwählten Volkes ist, da eine derartige Erhaltung gegenüber den fortwährenden mächtigen Hindernissen ihm wunderbar erscheinen muß und Ähnliches noch keinem Volk der Erde gelungen ist. Der Forscher unserer Zeit, der sich bemüht, Unerwiesenes als Grundlage eines Schlusses zurückzuweisen, wird zugeben müssen, daß die jüdische Rasse sich als die lebensfähigste unter allen anderen bewährt hat. Die Wissenschaft der neueren Zeit, die mit so großem Erfolg die Darwin'schen Ansichten auch auf die Entwicklung der Menschheit anwendet, sieht in dem Kampf der Juden um ihre Existenz die natürliche Zuchtwahl im Kampf um's Dasein. Darwin sagt in Bezug auf den deutschen Ausdruck „Kampf um's Dasein" in eineni Briefe an einen deutschen Gelehrten: „Die Worte „struggle for existence“ drücken, denke ich, genau das „aus, was Konkurrenz besagt. Es ist korrekt, im Englischen zu sagen, daß „zwei Männer um das Dasein kämpfen, welche nach derselben Nahrung während