Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 16 (1896)
- Issue
- Heft 1 (1.1.1896)
- Date
- 1896-01-01
- Page
- Seite 5 (sequence 5)
- Language
- German
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5 Man wird selbstverständlich einwenden, daß jetzt von dieser Zurücksetzung weniger die Religion als die „Rasse" getroffen ist. Ich glaube, daß die „Umnennung" des früheren Begriffs „Judenhaß" in „Antisemitismus" ganz oder zum Teil aus perfiden Motiven beruhte. Der Haß ivar vorhanden, da aber die öffentliche Meinung mehr und mehr zu der Überzeugung gelangt war, daß die jüdische Religion als solche sicher keinen Haß verdient, daß sie gerechten Anspruch darauf machen kann, ohne Haß angesehen und erörtert zu werden, griff man, ausgehend in dem Axiom: „Der Jude muß verbrannt werden," zu der „Umnennung" Antisemitisnius, Haß gegen die Raffe. Man wollte sich wohl als Blitzableiter für die allgemein aufkommende Unzufriedenheit den längst bewährten „Prügelknaben" nicht entgehen lassen. Die neueste Phase' der Judenverfolgung, die Antisemitismus genannt wird, ist in den Augen aller ehrlichen, vernünftigen Menschen wohl verurteilt, seitdem man unter den Hauptvertretern derselben Menschen erblickt, welche man für Zuchthauskandidaten, überwiesene Lügner und Jntriguanten halten mußte. Leider haben sich auch bessere Elemente daran beteiligt und von maßgebender Seite wird die Abwehr der „Schmach des Jahrhunderts" nicht gefördert. Gewisse Parteien die „das Böse nehmen, wo sie es finden" benutzen auch die Judenhetze als Motor für ihre selbstsüchtigen Zwecke. Für uns Zeitgenossen ist dies alles ja sehr deprimierend, an der Zukunft des Judentums brauchen wir aber deshalb nicht zu verzweifeln. Wer Gedanken sammelt „über die Religion der Zukunft" und dabei auch das Judentum im Auge hat, der muß in den Bereich seiner Betrachtungen eine Vergangenheit von Jahrtausenden bringen und sich bei dein Ausblick in die Zunkunft einen weitsichtigen Standpunkt zu verschaffen und zu erhalten suchen. Die Geschichte des Judentuius lehrt uns, daß unendlich mächtigere und erfolgreichere Anfeindungen den Bestand und die Zukunft des Judentums nicht dauernd gefährden konnten. Die Vorsehung, oder wenlt man von einer solchen nichts mehr wissen will, der logische Gang der Begebenheiten, hat das Judentum jetzt günstiger gestellt, als wenn es die mächtigste Armee der Erde zu seiner Verteidigung hätte. Wenn der allerdings undenkbare Fall eintreten würde, daß es einem Triumvirat von Männern wie v. Hainmerstein, Stöcker und Ahlwardt als Lenker der Geschicke des deutschen Volkes, getingen würde, sämtliche Juden aus Deutschland zu vertreiben, oder sie gar totschlagen zu lassen, daun würde der Bestand der übrigen, über die ganze Erde verbreiteten Judeil auch den Fortbestand des Judentums vor wie nach verbürgen. Vielleicht würden solche Greuelthaten sogar zum Vorteile derselben gereichen, da die außerdeutsche civilisierteMenschheit ans Entrüstung über diese Greuelthateu die Juden mehr als vorher in ihren berechtigte» Bestrebungen unterstützen würde. Ein anderer, wenn auch schlechter Trost ist der, daß wir ja nicht Ab-