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Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen · 1896-01-01 · Heft 1 (1.1.1896) · p. Seite 4

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Journal
Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
Volume
16 (1896)
Issue
Heft 1 (1.1.1896)
Date
1896-01-01
Page
Seite 4 (sequence 4)
Language
German
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— 4 , Des Judentums Anteil an der Religion der Zukunft. i. Außer den Theologen, welche durch ihre» Beruf darauf hingewiesen sind, haben viele Menschen unserer Zeit für religiöse Fragen gar kein Interesse mehr. Auch viele, welche sich sonst für öffentliche Angelegenheiten lebhaft interessieren, wollen von religiösen Fragen absolut nichts wissen. Ich glaube, daß dies ans einer mangelhaften Beurteilung der Gesamtlage unserer heutigen Verhältnisse beruht. Selbst in den Augen der Realisten und Materialisten müßten religiöse Fragen eine große Bedeutung haben, da es kaum mehr eine wichtige öffentliche Angelegenheit giebt, die nicht direkt oder indirekt von Religion beeinflußt wird. Unter so vielen anderen will ich nur einige wenige besonders wichtige Beispiele anführen. Die sogenannte orientalische Frage, welche seit langer Zeit den Frieden der Menschheit bedroht, ist in der Hauptsache hervorgerufen durch die Herrschaft der Mohammedaner über christliche Völkerschaften. Die römische Frage, ein Hauptmotor in der europäischen Politik, beruht auf dem Antagonismus zwischen dem Papsttum und dem neuen italienischen Staate. Im Leben des deutschen Volkes ist der Einfluß der konfessionellen Parteien eingreifend in alle Verhältnisse und unzertrennlich von der Lösung aller politischen und sozialen Fragen. Für die Juden aber ist die Religion noch von ganz besonderer Bedeutung, da die persönliche Stellung eines jeden Einzelnen als Mensch und als Bürger von ihr abhängt. Ihre Sonderstellung unter christlichen und mohammedanischen Völkern beeinflußt ihr ganzes Leben und diese Sonderstellung ist nur durch ihre Religion entstanden und geblieben. Die unter dem Namen „Antisemitismus" neuerdings verstärkt aufgetretene, aber uralte Judenhetze erschwert uns jetzt das Leben wieder in erhöhtem Maße und greift in alle Verhältnisse ein. Selbst in den Berufsarten, die uns am leichtesten zugänglich geworden, werden wir von unserer Sonderstellung in der nachteiligsten Weise berührt. Christliche Kaufleute verwenden keine jüdische Angestellten. Vielfach hören wir den wüsten Ruf: „Kauft nicht bei Juden". Geldgeschäfte — auch die solidesten — zu deren Betreibung die Juden durch frühere Verhältnisse vorzugsweise gedrängt wurden, werden ihnen durch gehässige Aufhetzungen erschwert Ihre Zurücksetzung von Seiten mancher Staaten ist bekannt, ebenso ihre Zurücksetzung in gesellschaftlicher Beziehung. — Wenn alles im täglichen Leben mir beweist, daß ich von einem großen Teil meiner christlichen Mitbürger als Mensch und Bürger zweiter oder dritter Kläffe angesehen werde, sollte ich da je vergessen können, daß die Religion in meinem Leben noch eine wichtige Rolle spielt?

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