Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 16 (1896)
- Issue
- Heft 1 (1.1.1896)
- Date
- 1896-01-01
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
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3 Sichabwenden vom Gesetze, selbst von den bisher als ttiiantastbar gegoltenen Gesetzen, von beit als göttlich gevffenbart betrachteten Gesetzen immer rascher, immer weiter »m sich greife, und daß auch sie selber oder viele von ihnen von dieser Strömung nach und nach mit fortgerissen würden. Und da erhoben sie denn die bange Frage: Sind wir noch Inden? Schon unser Gefühl sagt es uns: Ja, wir sind noch Juden und unsere Religion ist noch die jüdische Religion „Aber so definiere man doch das Judentum genauer," wurde entgegengehalten Die Erfüllung des Sittengesetzes ist das ganze Judentum, — so lautet die Antwort von der einen Seite; Recht thnn, Milde üben, in Demut vor Gott wandeln, das ist das ganze Judentum. — Aber wenn wirklich darin das Charakteristische und Eigentümliche des Judentums besteht, dann waren ja auch Sokrates und ©enecct' Juden, und dann war auch der heilige Franz von Assisi ein Jude, und dann sind die barmherzigen Schwestern itt den Hospitälern, die vielen edlen und hilfreichen wirklichen oder auch blos nominellen Christen, deren ganzes Leben und Schaffen in Werken der Selbstheiligung und der Nächstenliebe besteht, nicht minder Juden. O nein, das sind keine Juden, sagen hierauf Andere, die soeben vorgetragene Begriffsbestimmung ist zu weit. Zum Thun des Guten muß sich noch das Bekennen des Wahren gesellen. Ein Jude muß auch noch den einen: und einzigen Gott bekennen, er muß den ethischen Monotheismus, wie eine neuerdings in Schwung gekommene Redensart es ausdrückt, oder, um mehr populär zu bleiben, den Glauben an den einen und heiligen Gottzu seinem innersten Eigentum sich gemacht haben- Ist aber auch nicht diese Definition zu weit? Wären nicht unter dieser Definition auch die nicht semitischen Unitarier, die Mohammedaner, die Inder, die man als Anhänger des Brahma-Samaj bezeichnet, gleichfalls Juden? Gewiß, auch in dieser Fassung ist die Definition zu weit und daher unrichtig; auch in dieser Fassung stimmt sie nicht mit bent wirklichen Thatbestand überein. Channing und Parker waren keine Juden, auch die Bekenner des Islam sind keine solchen, und ebensowenig sind es die modernen monotheistischen Hindus, Andererseits sind aber die Definitionen Mancher unter den jüdischen Orthodoxen, oder Mancher aus der sogen, conservativ-historischen Schule und aus sonstigen Vermittlungsparteien zu enge, da sie in geringerem oder größerem Maße eine Anzahl von Gesetzen und Institutionen und Dogmen als unantastbar hinstellen und einem Jeden das Recht, sich Jude zu nennen, absprechen möchten, der diese Gesetze und Institutionen und Dogmen nicht länger mehr beachtet. Denn wir blicken um uns und da nehmen wir wahr, daß es anch Solche giebt, die nicht mehr so gesetzestreu und nicht mehr so dogmengläubig sind, wie jene Herren es wünschen, und die, wie von uns, so von fast allen anderen Israeliten trotz alledem und alledem als Inden anerkannt werden. (Fortsetzung folgt.)