Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 15 (1895)
- Issue
- Heft 12 (1.12.1895)
- Date
- 1895-12-01
- Page
- Seite 268 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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268 „Denn obwohl diese Quellenschriften in ihrer Totalität seit Jahrtausenden offen da liegen, ist doch Verschiedenartiges und Entgegengesetztes daraus heraus gelesen worden. Je nach dem Standpunkte der Forscher hat der Eine die biblische Geschichte sublimirt und verhimmelt, in jedem Buchstaben eine Heilswahrheit gefunden, und der Andere sie als Judengeschichte in den Staub gezogen. Das Bild das der Supernatnralismus von dieser Geschichtsperiode entworfen hat, ist so grundverschieden von dem, welches der Rationalismus in allerlei Formen davon gezeichnet hat, daß, wenn dieselben Eigennamen nicht in beiden Darstellungen herausklängen, ein Leser schwerlich darauf kommen könnte, daß beide von einem und demselben Volke sprachen. Das Mißtrauen gegen die kritische Behandlung der biblischen Quellen ist auch ungerechtfertigt. Sie habe» es durchaus nicht nötig eine eximirte Stellung zu beanspruchen, oder hinter derselben Schutz zu suchen. Weit entfernt zu verlieren, gewinnt die biblische Geschichte durch die kritische Behandlung, wie an Gewißheit so auch an Großartigkeit und Wnnderhaftigkeit. Wendet man auf sie dasselbe Verfahren an, wie auf die Geschichtsforschung anderer Völker, so wird die Superklugheit nicht mehr so rückhaltlos wagen das israelitische Volk als eine verkommene semitische Rasse verächtlich zu behandeln, oder die Geschichte desselben als eine Judengeschichte wegwerfend zu bezeichnen, oder die Lehre dieses Volkes als die Religion einer Horde von oben herab zu belächeln. Durch die kritische Behandlung tritt die Eigenart des Volkes, seiner Lehre, seiner Geschichte und Poesie bedeutend und imposant heraus und erklärt befriedigend die Erscheinung, wie diese in den universal-historischen Bildungsprozeß so tief eingreifen konnte. Die junge Wissenschaft der Volkspsychologie, welche allen Reichtum und Glanz auf die arische Rasse häuft und alle Armut und Schmach auf die semitische Volksschaft wirft, müßte ihren Ton herabstimmen, wenn ihr die Geschichte des israel. Volkes, von der Theologie emancipirt, und nach allgemein historischen Gesetzen behandelt als Phänomen entgegentritt, auf welche die Hypothesen nicht passen. Manche Vertreter dieser Wissenschaft scheinen nämlich diese Geschichte nur aus den Jugenderinnerungen des Religionsunterrichtes zu kennen, als eine Märchenwelt, gut genug für das Kindesalter und seine Wundersucht. Sonst würden sie die Israeliten nicht zu den Semiten zählen und der semitischen Rasse nicht eine so krasse Stupidität aufbürden." An anderer Stelle führt derselbe Forscher aus: Es ist dabei (am Sinai) zugleich eine neue Entdeckung in dem Innern des Menschen gemacht worden, die Entdeckung des Gewissens. Ferner: „Daselbst sind auch zuerst die Gesetze der Gleichheit geoffenbart worden, und sie sind als Gährungsstoff unter die Völker geworfen worden. Der Bann der Klassen- und Kastenunterschiede war damit gebrochen." Und die Angehörigen dieser Lehre will man ächten, bestreitet ihnen die