Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 15 (1895)
- Issue
- Heft 11 (1.11.1895)
- Date
- 1895-11-01
- Page
- Seite 254 (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
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254 Es wird vielleicht Manchem schon, wie mir ergangen sein. Ich trenne mich von dem Begriffe der Vollkommenheit mit dem Gefühle, mit dem man von einem teuren, liebgewordenen Freunde scheidet. Der Begriff der Vollkommenheit sollte nicht ausreichen, den Zweck des menschlichen Daseins zu erklären? Weil dies unmöglich schien, haben wir uns eingehend mit ihm beschäftigt und gefunden, daß er die Forderung, die der Zweckgedanke stellt, zu erfüllen nicht imstande ist. Wir müssen uns also trennen. Vielleicht begegnen wir ihm auf einem anderen Wege wieder. V. Der Grund des Schaffens und das Iwecksehen. Nun stehen wir wieder vor der Frage: Was ist der Zweck des Seins, des Weltalls, des Menschen mit einbegriffen? Wir haben bisher die Antwort in dem Sein, dem Weltall und in letzter Reihe in dem Menschen gesucht. Wir gingen von der Anschauung aus, jedes Existierende, ob belebt oder nicht, muß seine Daseinsberechtigung Nachweisen können. Mit dem Rechte ist auch ein Zweck gegeben. Es hat sich bei dem Gange der Untersuchung immer der Stufenbau vom Anorganischen zum Organischen und im Bereiche des letzteren, dem höchst entwickelten Organismus, zum Menschen ergeben. War der Zweck für den Menschen gefunden, so war er es auch für das Weltall. Den scheinbar geeignetesten Begriff der Vollkommenheit mußten wir aufgeben. Der Zweck ist nun nicht gefunden. a) Das Zwecksetzen in Gott. Unser Dasein und das des ganzen Alls nunmehr als zwecklos anzusehen, dagegen sträubt sich der Verstand ebenso wie das Gefühl. Denn jener sieht doch überall Zweckmäßigkeit, d. h. entsprechendes Jneinandergreifen der einzelnen Teile — einen Organismus, den der Zufall nicht zusammengewürfelt haben kann. Er sieht sich veranlaßt, nicht nur einen Ordner der Teile, sondern ein intelligibles Wesen anzunehmen, das diesen großen und kleinen Teilen den Trieb, sich zu suchen, die Kraft, sich zu verbinden, gegeben. Er nimmt einen Gott an. Nun, das Sein gibt uns keine Antwort auf die Frage, wo es ist. Es erübrigt uns also nur, die Frage an den zu richten, der es ins Dasein rief. Er muß einen Zweck gewollt haben. Das deckt sich mit der Ansicht Herbarts. Der Begriff der Zweckmäßigkeit, meint er, „geht von der Annahme eines Willens aus, der sich Zwecke setze." Nun ist Zweckmäßigkeit für uns zwar nicht Zweck, aber das muß entschieden angenommen werden: wenn es einen Zweck geben soll, muß es einen Willen geben, der den Zweck gesetzt hat. Dieser Wille liegt für uns in der Allmacht, in dem Schöpfer, in Gott. Jhering, „Zweck im Recht p. XII. meint: Die Annahme eines von Gott gesetzten Zweckes in der Welt, oder des göttlichen Zweckgedankens verträgt sich mit meinem Dafürhalten vollkommen mit der Statnirung