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Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen · 1895-11-01 · Heft 11 (1.11.1895) · p. Seite 253

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Journal
Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
Volume
15 (1895)
Issue
Heft 11 (1.11.1895)
Date
1895-11-01
Page
Seite 253 (sequence 13)
Language
German
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253 Rückschrittes eine Wunde geschlagen, die nicht vernarben kann. Denn damit ist doch ausgesprochen, daß es zu irgend einer Zeit Menschen gegeben, die dem Gedanken der Vollkommenheit nicht entsprechend lebten, ja sogar schädlich auf ihn einwirkten. Diese schädliche Einwirkung ging nicht etwa von einzelnen Menschen ans, sondern ein ganzes Geschlecht stellte sich, wenn auch absichtslos, dem Gedanken der Vollkommenheit hindernd in den Weg. Damit ist die Kette zerrissen. Bei dem Begriffe der Vollkommenheit muß Kontinuität angenommen werden. Wie die Zeit nicht anders gedacht werden kann, als daß ein Teilchen auf das andere folgt, diese Aufeinanderfolge nicht unterbrochen werden kann, so ist es mit dem angenommenen Gedanken der Entwicklung zur Vollkommenheit. Hört diese Entwicklung nur einen Augenblick auf, so ist dem Gedanken, der auf Kontinuität beruhte, die Grundlage genommen, er ist hinfällig. Wohlgemerkt, nur der Gedanke ist hinfällig, das System ist durchlöchert. Ein wirklicher Schaden für die Menschheit muß nicht entstehen, oder ist nur ein relativer, indem sie später erreicht, wozu sie früher hätte gelangen können. Die Nachgeborenen, die die Pflege des Gedankens wieder aufnehmen, müssen das Thun der Vorfahren immer beklagen, aber ein Wehgeschrei über unersetzliche Verluste müssen sie nicht erheben. Eine angestrengte Thätigkeit, ein energisches Aufraffen ihrerseits, kann das Verlorene wieder ersetzen. In der That sehen wir auch manche Nation, nachdem sie lange Zeit in Läßigkeit verharrte, sich mit kaum geahnter Energie erheben und in Jahrzehnten einholen, was sie durch Jahrhunderte versäumt hatte. Also nicht um den Verlust, den das Ganze der Menschheit erleidet, handelt es sich, sondern um jenes Menschengeschlecht selbst, dessen Thun oder Nichtthun einen Stillstand oder Rückschritt herbeigeführt hat. Die Frage ist: Welchen Zweck hatte das Dasein dieses Geschlechts? Es geht nicht an, zu antworten: Dieses eine Geschlecht oder mehrere derselben verlieren sich, in der zahllosen Menge derer, die auf Erden wandelten. Abgesehen davon, daß eine Lücke in der Kette der Entwicklung nicht eintreten darf, bleibt immer die Frage: Welchen Zweck hatten diese Geschlechter? Läßt die Schöpfung Ausnahmen zu? Oder gibt es in der natürlichen Entwicklung zur Vollkommenheit Sprünge? Das wären unmögliche Annahmen, durch keine Wissenschaft zu entschuldigende Ausflüchte. Auch hier wäre eine Art Distelevlogie, wenn auch nicht in dem Sinne, wie Hackel sie aufgestellt hat. Ich möchte sagen: Die Zeit hat eine Niete gezogen; sie kann aber weder in sich Nieten ziehen, noch darf im Begriff derVollkomnienheit eine solche gezogen werden. So wissen wir in der That nicht, was wir mit dem Begriffe der Vollkommenheit anfangen sollen. Losgetrennt für sich bestehend ist er einer der schönsten und erhabensten Begriffe. Auf den Zweckgedanken angewandt, erweist er sich als unbrauchbar.

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