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Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen · 1895-11-01 · Heft 11 (1.11.1895) · p. Seite 252

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Journal
Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
Volume
15 (1895)
Issue
Heft 11 (1.11.1895)
Date
1895-11-01
Page
Seite 252 (sequence 12)
Language
German
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252 Nämlich: daß bei Aufstellung des Vollkommenheitsgedankens die Ursache mit der Folge vertauscht wird. Es ändert dabei nichts ob die Vollkommenheit auf Erden oder im Himmel als Ziel hingestellt wird. Auch jener bereits hervorgehobene Einwand ist nicht beseitigt, daß es doch wenig schmeichelhaft für das Menschengeschlecht ist, nicht zu wissen, worin eigentlich die von ihm geforderte Vollkommenheit besteht, welchem Ziele es zusteuert. Worin soll das Streben bestehen? Im Streben nach dem höchsten Glücke, nach dem höchsten Gute? Worin besteht das Glück, worin das höchste Gut? Wir wären da wieder bei der Frage angelangt, die die Philosophie des griechischen Altertums beschäftigte, also am Ende des philosophischen Denkens, beim Anfänge desselben. Es mag ein gütiger Akt der Vorsehung sein, vor den forschenden Blick einen dichten Schleier zu hängen, aber dem Menschengeiste, der sich erkühnt, das All zu durchdringen, den Schöpfer in seinem Schaffenswerke zu belauschen, ist wenig gedient, wenn ihm Bescheidenheit, große Bescheidenheit empfohlen wird. Es wird ihm gesagt: Laß doch das große All. Weißt du doch nicht, wozu du selbst bist. Um vollkommen zu werden? Was verstehst Du darunter? Nehmen wir aber an, wir wüßten, was Vollkommenheit sei, es wäre uns ganz klar, wohin wir streben und was wir erreichen wollen; nehmen wir ferner an, nicht die. Vollkommenheit des Einzelnen, sondern die des Menschengeschlechtes wird erstrebt und daß das eine Geschlecht, wollend oder nicht wollend, selbstlos genug ist, sich zur Grundlage zu machen, auf dem das künftige Geschlecht weiter bauen kann: so ist doch damit gesagt, daß die Vergangenheit immer schlechter gewesen, oder, sagen wir, auf einer tieferen Stufe der Vollkommenheit gestanden als die Gegenwart, diese wieder tiefer steht, als die Zukunft stehen wird. Das muß der regelmäßige Gang sein, anders ist ein Fortschritt auf bem Wege der Vollkommenheit nicht denkbar. Da die Menschen seit undenklichen Zeiten leben, Geschlechter auf Geschlechter lückenlos folgen, so muß auch der Weg zur Vollkommenheit lückenlos fortgesetzt worden sein. Ist das der Fall? Hier können wir doch die Geschichte befragen. Ihre Antwort lautet: Um Vollkommenheit kümmere ich mich nicht, aber geistigen und sittlichen Fortschritt sowie Entwicklung verzeichne ich. Im Großen und Ganzen ist in der That ein Fortschritt anzunehmen und nachweisbar. Ob er aber ein stetiger gewesen, kann nicht ohne weiteres bejaht werden. Es gab Zeiten, in denen ein Stillstand eingetreten, auch solche iu denen ein Rückschritt wahrgenommen wurde. Für die Geschichte, die den Blick auf das Ganze richtet, genügt die Erkenntnis des Fortschritts in« Allgemeinen; auch die Menschen mögen mit dein, was die Geschichte als Resultat hinstellt, zufrieden sein. Dem Gedanken der Vollkommenheit aber, der eine stetige, unausgesetzte, lückenlose Entwicklung fordert, ist mit der beniüßigten Annahme eines Stillstandes oder gar

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