Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 15 (1895)
- Issue
- Heft 11 (1.11.1895)
- Date
- 1895-11-01
- Page
- Seite 245 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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245 geschrieben und die in manchen Punkten der Berichtigung bedürfen, da der Heimgegangene ein Stoiker aber kein Geiz war. Er vermied wohl nur jeden unnötigen Aufwand weil er höhere Ziele verfolgte: Schorr hat ein Leben von 81 Jahren nur einmal unterbrochen, um sich von seinem einzigen Sohne vor dessen in Paris erfolgten Tode zu verabschieden, sonst aber ununterbrochen und einförmig das Dasein eines Philosophen und Sonderlings geführt. Herr Osias H. Schorr genoß in Österreich, Deutschland und Italien den weitverbreiteten Ruf eines ausgezeichneten Hebraisten und Altertumskenners; er führte eine klassische, scharfe und rücksichtslose Feder gegen die sich spreizende Mittelmäßigkeit und gegen den jüdischen Jesuitismus, er kämpfte mit Erter, Krochmal und Blumenfeld zu einer Zeit im Vordertreffen, als noch auf Fortschritt Exkommunikation stand und das Judentum in Galizien hinter mittelalterlichen Barrikaden verschanzt lag. Er führte Krieg gegen das Chederwesen, die Wundermänner, den Klerikalismus und den Chassidismus, er entlarvte die falschen Propheten und zerschellte die Hohlheit in unbarmherziger, aber genialer Weise. Von seinem unübertrefflichen, mustergiltigen Hebräisch hieß es, daß Schorr im Stande wäre, noch einmal eine Bibel zu schreiben. Mit Zunz, Reggio und Grätz befreundet, unterhielt er mit ihnen einen lebhaften und wissensreichen Briefwechsel, der sich im Nachlaß finden dürfte, der, nebst wertvollen Schriften, eine reiche Bibliothek und ein großes Vermögen umfaßt, welche nun dem Rabbinerseminar in Wien ausschließlich anheimfallen. Als Gelehrter ausgezeichnet und anerkannt, war Schorr als Mensch ein Sonderling, wie sie in der Gegenwart zmn Glück für sie selbst immer seltener Vorkommen. Bei einem Vermögen, das dem einsamen, kinderlosen Mann das behaglichste Leben und alle Genüsse die das Alter gestattet und erheischt, ermöglicht hätte, darbte der arme reiche Mann, der sich aus Geiz und Stoicismus die notwendigsten Lebensbedürfnisse versagte und vor Hunger gestorben wäre, wenn nicht seine Nichte, Frau Doktor Leiblinger, ihn versorgt hätte, obschon es hier allgemein bekannt war, daß Schorr sein ganzes Vermögen, unter Umgehung seiner Verwandten, kultuellen Zwecken testamentarisch zuführte. " In seiner Lebensweise ein Cyniker, in seiner äußeren Erscheinung der lebendige Protest gegen die Textilindustrie; der Hitze des Sommers und der Kälte des Winters in derselben verblichenen Kleidung trotzend und unentwegt durch welterschütternde Ereignisse langsam seinen einsamen Weg wie ein von seinem Piedestal herabgestiegenes Bild aus einem verblichenen Jahrhundert, wandelnd, häufte Schorr aus seinem fast unberührten Einkommen Geld auf Geld, und was jetzt dem Rabbinerseminar in Wien zukommen wird, dürfte etwa 140,000—150,000 fl, betragen. So schied der letzte bedeutende Mann aus dem ehemals bedeutenden Brody, der letzte Rest einer besseren Zeit, teilnamlos und ohne Teilnahme einzuflösen fast unbemerkt aus unserer Mitte; blos Herr Dr. Herzel rief den wenigen Männern, die die Bahre umstanden, ins Gedächtnis