Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 15 (1895)
- Issue
- Heft 10 (1.10.1895)
- Date
- 1895-10-01
- Page
- Seite 229 (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/2969669-2969809-2969820--4589-2973857- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
229 Gesundheit^) und Fruchtbarkeit lediglich die Ziele der mosaischen Lehren sind und gipfelt doch das ganze Gesetz in der Verheißung von Krankheiten verschont zu bleiben, durch die Jnnehaltnng der genannten Vorschriften^). Diese Überzeugung macht sich immer mehr bei Ärzten und Naturforschern geltend, welche durch tieferes Studium der mosaischen Gebote und Verbote die betreffenden hygienischen Anordnungen bewundern und zur Nachahmung hinleiten, während auch die Erreichung derselben Ziele von unserer gesamten sozialen Bewegung angestrebt wird. Dabei sind die Moralgesetze, welche man als psychische bezeichnen könnte von keinem Gesetzgeber überholt wie z. B. „die Liebe zu seinem Nächsten wie zu sich selbst" für unser irdisches Wohlergehen (ein Anderes kennt der Mosaismus nicht), ebenso bedingt sind, wie die physischen: Speise-, Ehe-, Menstruations- und andere Gesetze hygienischer Natur. Diese Letzteren bilden jedoch das Antochtonische im Mosaismus und werden leider als nebensächlich gerade von d e n R a b b i n e r n behandelt, welche „reformatorisch" im Judentum wirken wollen. Sie ingoriren diese Verordnungen und fast scheint es als wenn die Prophezeiungen von Moses2 3 4 * * * 8) in unserer Zeit in Erfüllung gehen, wonach „Fremde Völker sich wundern werden über die Weisheit der mosaischen Gesetze rc." während im eigenen Volke solche gar nicht genügend gewürdigt werden, nach dem alten Sprichwort« „Der Prophet geltet nicht in seinem eigenen Lande". Hat doch Feuerbach in seiner Begeisterung für Moleschott das Motto erdacht „Der Mensch ist was er ißt", und damit die Wichtigkeit von Speisegesetzen anerkannt. Der Dualismus von Körper und Seele wurde den Juden erst bekannt durch die Verbindung mit philosophirenden Völkern des Altertums ^) und findet keinen Platz im Mosaismus, welcher weder dem Frommen ein Paradies im Himmel noch dem Sünder eine Hölle in der Unterwelt in Aussicht stellt. Wenn dieser Glaube dennoch im Judentum eingedrungen ist, so ist das lediglich einem Juden Namens J'didiah, griechisch Philün, zuzuschreiben. Derselbe hat die Lehren des Plato auf den Mosaismus gepropft und ein Werk in griechischer Sprache hierüber (seinen eignen Midrasch) verfaßt, welches sich unter seinem Namen bis in die Jetztzeit in der Literatur erhalten hat. Obwohl diese beiden Lebensanschauungen noch weniger mit einander zu verbinden sind, wie etwa die des Diogenes mit der des Epicur, so ist dieses literarische Kunststück dein Philön so sehr gelungen, daß der Kirchen- 2) Dr. Ad. Nossig „Die Sozialhygiene der Juden. Stuttgart 1894. 3; Buch V, Cap. 7 B. 15. *) Bd. V, Cap. 4 V. 8. So hat Prof. Virchow die Schädlichkeit des Schweinefleisches durch seine Entdeckung der Trichinen erkannt und einen Aufsatz von mir unter der Aufschrift: „Was sollen wir essen?" in welchem ich die mosaischen Speisegesetze glorifizirte, bereitwilligst in sein Archiv für Pathologie und Therapie (vor ca. 15 Jahren) ausgenommen. Besonders hervorragend auf diesem Gebiete sind die Schriften von Joh. David- Michaelis, Mosaisches Staatsrecht, Reutlingen 1785. — I. P. Trusen. Die Sitten, Gebräuche und Krankheiten der alten Hebräer. Breslau 1853. — Dr. A. Nossig. Die Socialhygiene der Juden, Stuttgart 1894. 8) Carus, Psychologie der Hebräer.