Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 15 (1895)
- Issue
- Heft 10 (1.10.1895)
- Date
- 1895-10-01
- Page
- Seite 230 (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
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230 Vater Eusebius für Moses keine andere Bezeichnung als den Plato der Juden und für Plato keine andere als den Moses der Griechen kannte"). Somit wurde die ganze realistische Basis der mosaischen Gesetzgebung aufs tiefste erschüttert, und hat mit seiner Existenz bis heutigen Tages einen schweren Kampf zu bestehen. Den fundamentalen Unterschied zwischen platonischer und mosaischer Lehre, welcher auch für christliche und mosaische zutreffend ist, hat auch Schopenhauer richtig erkannt. Nicht die Differenz von Monotheismus und Trinitätsglauben, auch nicht der Mysticisinus, welcher die Person Christi umgiebt, bildet die unüberbrückbare Kluft zioischen Mosaismus und Christentnm, — dieser wäre z. B. nach der Jnterpretirung des Professor Harnack zu beseitigen, — sondern die entgegengesetzte Lebensanschauung in dem Inhalt der beiden Lehren. Die mosaische Lebensanschauung ist eine optimistische, das irdische Dasein Wert schätzende, daher alle Gesetze auf Verbesserung unseres irdischen Daseins gerichtet sind, während die christliche Weltanschauung das irdische Dasein nur als ein Jammerthal betrachtet und den ganzen Schwerpunkt des Lebens nach dem Tode in's Jenseits verlegt. Die Frage „Wo fängt der Mosaismus an und wo hört er auf? würde ich dahin beantworten: Der Mosaisrnus fängt an mit dein Monotheismus jedoch nur in Verbindung mit dem Glauben, daß eine sittliche Ordnung in unserm Erdenleben waltet, wonach Derjenige durch Wohlergehen belohnt wird, welcher die mosaischen Gesetze inne hält, während die Strafe Denjenigen hienieden trifft welcher diesen Gesetzen zuwider handelt, wie solche im Pentateuch festgesetzt sind, von denen es heißt, daß man zu den Worten Nichts hinwegnehinen und Nichts Hinzuthun soll, (Bd. V, Cap. 4 V. 2,) und hört der Mosaismus da auf, wo trotz der Annahme des Monotheismus der Glaube vorhanden ist, daß hier auf Erden die sittliche Ordnung durch Belohnung und Bestrafung sich nicht vollzieht, sondern daß erst nach dem Tode solche dem Menschen zu Teil werden, wo dann ein ewiges neues Leben beginnt, sei es durch die Auferstehung des Fleisches oder durch das Fortleben der Seele, welche sich durch den Tod von ihrein Körper getrennt. Beides ist zur Auswahl im Judentum vertreten und somit hat der Mosaismus für das Judentum aufgehvrt, denn so wenig das Christentum denkbar ist ohne diesen Glauben, so wenig denkbar ist der Mosaismus mit diesem Glauben. Wenn auch Moses Mendelssohn in seinem „Phädon" den sveratischen Lehren von der Unsterblichkeit der Seele huldigt, im Gegensatz zu Schiller, tvelcher in dem Gedicht „Die Resignation" dem mosaischen Standpunkt (vielleicht unbewußt) in poetischer Form Ausdruck verliehen, so hat Mendelssohn durch Socrates keineswegs bewiesen, daß die Seele unsterblich ist, sondern nur, daß Gift tätlich wirkt und somit die verbreitete Lehre „Beachte nur was aus dem Munde und ,nicht was in den Mund geht" gründlich widerlegt. (Fortsetzung folgt.) ") Siehe Talmud »nd Schulchan Aruch von De. Bernard Fischer, Leipzig.