Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 15 (1895)
- Issue
- Heft 10 (1.10.1895)
- Date
- 1895-10-01
- Page
- Seite 226 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 98% known words query
- IRI
…/2969669-2969809-2969820--4586-2973854- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
226 — Herr Dr. Stoltz berichtet iiber ein von der Gesellschaft der Amerikanischen Cantoren verfaßtes Gesangbuch. Hierauf wurde ein Vortrag: „Die Gesetzesrolle", eine historische und interessante Abhandlung in Abwesenheit des Verfassers, des Dr. G. Deutsch, Professor am Hebrew College, von Herrn Rabbiner Dr. Aaron aus Buffallo vorgelesen. In der Einleitung bemerkt der Herr Professor: „Die Bewegung gegen den Gebrauch der traditionellen Pergamentrolle in unseren Synagogen brachte mich auf den Gedanken, den Ursprung dieses Gebrauches und die für dessen Beibehaltung nach der Erfindung der Buchdruckerkunst angegebenen Gründe historisch zu untersuchen. Doch habe ich keineswegs die Absicht, „den Kopf zwischen die gegenüberstehenden Felsen zu stecken" und die Frage praktisch zu entscheiden." Nach einer erschöpfenden Behandlung des Gegenstandes gelangt Herr Dr. Deutsch zu folgenden Schlußfolgerungen: Die Pflicht, eine Thorarolle zu schreiben, wird aus Deuteronomium (XVII, 18 und XXXI, 19) hergeleitet. Dieses Gesetz wird jedoch von Rabbenu Ascher und anderen Autoritäten so verstanden, daß es geboten sei, sich ein Buch zum Studiren anzuschaffen, während andere Autoritäten mit Joseph Karo an der Spitze das Schreiben als an sich verdienstvoll betrachten. Daß ein gedrucktes Buch in jeder Beziehung ebenso gut als ein geschriebenes sei, wird von Menachem Asariah de Fano, Lippmann Heller, Moses Jbn Chabib und Jona Nabu behauptet; von der negativen Seite nämlich, daß gedruckte Bibeln und religiöse Bücher nicht verächtlich behandelt werden sollen, wird diese Ansicht von Benjamin Solnik und David Ha-Levi aufrecht erhalten. Daß ein gedrucktes Buch nicht anstatt eines „Sepher-Thora" gebraucht werden könne, wird von Jair Chajim Bacharach und Jona Land-Sopher behauptet. Aus dem Talmud kann als Argument nur das Gebot angeführt werden, daß als Material für das „Sepher-Thora" die Haut von reinen Thieren benützt werden muß. Da jedoch das Papier noch nicht erfunden war, so kann dieses Argument nur als Beweis gegen die Benützung der Haut unreiner Thiere gelten. Hierauf wurde ein Lehrplan für Sabbathschulen vorgelesen, woran sich eine außerordentlich interessante Rede des Herrn Dr. Emil G. Hirsch aus Chicago über: „Die Bedeutung und Tendenz der Reformbewegung im amerikanischen Judentum" anschloß. Der Redner sagte unter Anderm: „Der Radikalismus dreht sich nicht um den Punkt, daß ein Symbol angewendet werden soll oder nicht, sondern er sagt, daß das Symbol eine Sprache reden muß, die man versteht. Sobald es zur Versteinerung wird, hört es auf, als ein Schatz der Synagoge aufbewahrt zu werden. Die Radikalen treten mehr für das jüdische Bewußtsein ein als die