Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 15 (1895)
- Issue
- Heft 10 (1.10.1895)
- Date
- 1895-10-01
- Page
- Seite 222 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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222 durch Jahrtausende daran gewöhnt, wie wir durch unseren Verstand dazu gedrängt, wie wir durch unser Gewissen dazu verpflichtet werden. Wie unsere alten Weisen von dem, der da glaubte, er müsse die Erschwerungen der Hillel'schen wie der Schammai'schen Schule auf sich nehmen, sagten, er sei ein Thor, der im Finsteren wandelt, so wollen wir, folgerichtig den Standpunkt der Erkenntnis und der Wissenschaft vertretend wohl alle Meinungen und Ansichten prüfen und würdigen, aber doch die wahren, richtigen und vernünftigen Lehren als die geltenden erkennen. Daran gieng eben, wie im Talmud bemerkt wird, Jerusalem zu Grunde, daß man dort alles selbstständige Denken ausschloß, daß man dort die Stimme der Vernunft und die Freiheit des Gedankens unterdrückte, daß man für menschliche Einrichtungen göttliches Ansehen, für zeitliche Vorkehrungen ewige Geltung verlangte. Wir haben daher so manches Krumme gerade, so manches Verworrene klar zu machen. Es müssen die schiefen, gekünstelten, geschraubten Vorschriften, die sich den geraden Formen des Denkens nicht fügen, die nur hinfällige Stützen waren um das sinkende Gemäuer, dem der Grund fehlte vor Sturz zu bewahren, weichen, zurücktreten vor sinnvollen, wahrhaften Lehren, die befreiend und befruchtend auf den Menschengeist wirken. Ja gerade und gerecht sei unser Urteil, vernünftig und lichtvoll unsere Anschauung, wahr und klar unsere Überzeugung, rein und echt unser Glaube, dann wird auch redlich und bescheiden unser Lebenswandel, nützlich und ehrlich unsere Thütigkeit, maßvoll lind würdig unser Gottesdienst sein. Laßt uns neue gerade Wege dem Herrn ebnen, das ist die Stimme der Vernunft, die Stimme der Wissenschaft, die um mit dem königlichen Weisen zu sprechen, offen erklingt und allerwärts ihren Laut vernehmen läßt, eine Stimme, deren Mahnung wir nicht überhören, nicht nrißachten, nicht mißdeuten, nicht verleugnen dürfen. Hätte die Religion blos die irdische Wohlfahrt, das zeitliche Heil ihrer Bekenner im Auge, wäre sie eine blos menschliche Einrichtung, geschaffen zur Herstellung geordneter Zustände in der Gesellschaft, wäre sie blos ein Damm gegen die Zügellosigkeit der rohen Menge, es wäre dann blos ein Gebot der Staatsweisheit, sie in Kraft und Geltung zu erhalten und es wäre hiezu keine heilige Verpflichtung vorhanden, es läge hierfür kein tieferer sittlicher Grund vor. Allein die Lehre der Wahrheit, frei von trübem Gemische ist ewig göttlich, eine geistige Lebensmacht, durch welche in der Menschheit in dem Bewußtsein ihrer höheren Aufgabe der Glaube an den Herrn des Alls wird gegründet und der Glanz der göttlichen Lehre hineingetragen in die Seele des sterblichen Menschen. Es wird daher, so die Religion unserem Herzen fremd und ferne wird, der Adel des Menschtums in uns verlöscht und gebrochen. Die Religion, die wahre Gotteslehre müssen wir uns erhalten. Die Religion hat zu Zeiten des Druckes und der Erniedrigung die Herzen unserer Väter mit einer Weihe und Erhabenheit erfüllt, daß sie konnten stolz das Leben von sich werfen und sich ansehen als Bürger einer höheren Welt, als Erben