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Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen · 1895-10-01 · Heft 10 (1.10.1895) · p. Seite 221

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Journal
Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
Volume
15 (1895)
Issue
Heft 10 (1.10.1895)
Date
1895-10-01
Page
Seite 221 (sequence 5)
Language
German
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221 zu feige ist und weil man an dem farbenreichen, schmeichelnden, blendenden Wahne mehr Gefallen findet, als an der einfachen, reinen und schmucklosen Wahrheit, haben Jrrthum, Aberglaube und Gefühlsschwärmerei ein so weites Feld sich erobert, daß die richtige Einsicht keinen Platz mehr findet, haben sie den Gesichtskreis unserer Anschauung so sehr umwölkt und verfinstert, daß das Helle Licht der Erkenntnis nicht mehr frei hindurchdringen kann in die Kreise des Lebens. Sollen wir aber wirklich in der Finsternis fortwandeln? sollen wir das Auge der besseren Erkenntnis verschließen? sollen wir die Zaghaftigkeit, die Selbstverblendung, die Unterwürfigkeit an alte Vätersitte so weit treiben, daß wir, nur um sie nicht fallen zu lassen, unseren Geschmack, unsere Erkenntnis, unsere Ueberzeugung, unsere Menschenwürde, unseren gesunden Verstand, die offene Wahrheit verleugnen und verdrängen? Sollen wir das Ehrenkleid, das der Geist der neuen Zeit unserer Lehre geschaffen, verschmähen und es vorziehen, in abgerissenen Gewändern, von veralteter Form einherzugehen, weil diese einstens unseren im Grabe ruhenden Vorfahren zum Schmucke dienten? Wogegen die Vernunft ihre Stimme erhebt, das will die Lehre Israels nicht gutheißen oder gar erzwingen. Wir haben das Recht, wir haben die Pflicht von den Gaben des Geistes und Herzens, die Gott uns verliehen, den vollsten und reichsten Gebrauch zu machen. Wir sollen in unserer Lehre sinnen, sie durchforschen, sie beleuchten, sie klären, scheiden und sondern den reinen und echten Feingehalt von der trüben unedlen Beimischung, und was Leben, Kraft und Sinn in sich hat wohl erkennen und trennen von dem, was nur den Stempel der Religion an sich trägt, nicht aber heimisch ist auf ihrem Boden, zuwieder aller göttlichen und menschlichen Einsicht. Der prüfende Verstand, der unbestechliche Geist der Erkenntnis und der Wissenschaft achtet junge Wahrheiten höher als alte Jrrtümer; er bricht die grauen Felsen des Vorurteils, wenn sie auch noch so starr in den Himmel ragen zu Boden, und den Segen der auf den Gefilden stiller Gedankenarbeit blüht, bringt er an's Licht, die unterdrückte und niedergehaltene Wahrheit macht er frei und groß. Es läßt sich nicht leugnen, daß die Ueberlieferungen, Lehren und Satzungen des Judentums, eben weil die richtende Erkenntnis für ihre Beurteilung und Wertschätzung mangelte, ganz falsch verstanden, ganz verkehrt gewürdigt wurden. Gar manches edle Goldkorn lag unbeachtet, begraben unter wüstem Schutte, überlagert von dürrem Staube und von rohen Steinmassen, die zu nichts taugen, die nnr eine drückende Last und beengende Schranke sind, stehen hoch emporgetürmt, von der gedankenlosen Menge verehrt und gehütet als teuere Schätze und heilige Denkmäler aus alten Tagen. Auch wir wollen den Glauben, den vernünftigen und wahren Glauben der Väter erhalten, wir wollen aber nicht den getrübten, den entarteten Glauben, der dafür ausgegeben wird, sondern den Glauben des Gedankens, den Glauben der Üeberzeugnng, den Glauben, der den Geist erlenchtet und das Herz erfreut. Ja denken wollen wir, wie wir.' durch unsere Lehre dazu aufgefordert, wie wir

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