Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 15 (1895)
- Issue
- Heft 10 (1.10.1895)
- Date
- 1895-10-01
- Page
- Seite 220 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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müssen wir herauskommen, klar und entschiede» unseren Standpunkt bekennen, fest und treu unser Ziel verfolgen, mutig und ungescheut unsere Ueberzeugung vertreten. Dem Zuge und Geiste der Zeit haben auch schon unsere alten Weisen, die Lehrer der Mischnah und der Gemarah, Rechnung getragen, sie haben, weß ja der ganze Talmud ein Zeugnis ist, die Lehren nach den Verhältnissen, unter denen sie lebten, gestaltet. Wie in der mosaischen Lehre viele Satzungen aufgestellt wurden, um das Volk Gottes heidnischen Anschauungen und Uebungen zu entwöhnen, so haben die Lehrer zur Zeit des zweiten jüdischen Staates mannigfache Ordnungen geschaffen, uni gefährliche Parteibestrebungen zu bekämpfen und hintanzuhalten, haben sie, um den wahren Glauben zu erhalten und zu befestigen, unhaltbare Gesetze aufgegeben und zweckmäßigere Bestimmungen an deren Stelle gesetzt. Die Esra, Hillel, Jochanan b. Sakkai, Raba, Saadja, Maimuni, Abraham Abulafia, Josef Karo und Moses Mendelssohn fanden jeder das Judentum auf einer anderen Entwicklungsstufe, es zeigte aber doch jede die reine ewige Jsraelslehre, wenn auch in anderer Gestaltung und Gewandung. Ja, wollten wir den Bestrebungen verblendeter Schwärmer folgen, die taub gegen die Stimme der Zeit, ohne Rücksicht auf die fortgeschrittene Erkenntnis ihrem Wahne, ihrem Nutzen, ihrer Laune zu Liebe blos die Formen, aus dem der Geist gewichen, festhalten und ausgebrannte Stengel, an denen kein Geschniack mehr zu finden ist, als einzig heilsame Geisteskost hinstellen, so müßte es bald dahin kommen, daß, während die einen an leeren Stoppeln sich halten, die anderen lieber die Wüste aufsuchen, in der kein grüner Grashalm aus dem bleichen Sande hervorschaut, daß sie für alle Religion gleichgültig und unempfindlich werden und mit den stachlichen Hüllen auch die süßen saftigen Früchte zu Boden werfen, die darin verschlossen liegen. Wir wollen aber den Geist unserer Lehre in dem vollen Glanze seiner Macht frei erstrahlen lassen, wir wollen, um den Kern zu retten, die Hüllen fallen lassen. Durch die Wüste wollen wir uns einen Weg ebnen, aus der Oede des Kaltsinns gegen alle religiöse Lehre wollen wir fliehen, zueilen dem Sonnenglanze der Wahrheit, uns den Weg zum wahren Heile frei machen, wandeln die Bahnen des Lichtes und des Rechtes, die Bahnen der Wahrheit und des Friedens. Dazu fordert unfere Zeit uns auf, das ist die Lehre, die die Geschichte uns giebt. „Es dorrt das Gras und es welkt die Blume, doch das Wort des Herren bestehet in aller Ewigkeit." Die wahre Gotteslehre ist wie der Weltenherr, dessen Name sie ziert, ewig und vollkommen, erhaben über den Wechsel wie über den Zweifel und es kann ebenso wenig ein Menschengeschlecht ohne Gott, ohne den Gedanken der Tugend, der Sittlichkeit und Heiligkeit seine geistige Kraft und Wohlfahrt erhalten, als etwa rücksichtslose Freigeisterei könnte die innere Wahrheit und Trefflichkeit der göttlichen Lehre bestreiten und leugnen. Allein weil man zu denken entweder zu träge oder