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Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen · 1895-10-01 · Heft 10 (1.10.1895) · p. Seite 219

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Journal
Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
Volume
15 (1895)
Issue
Heft 10 (1.10.1895)
Date
1895-10-01
Page
Seite 219 (sequence 3)
Language
German
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219 Es wird aus diesen Warten hervorgehen, daß der ernste Und gewissenhafte Lehrer in Israel, wenn er seinem Berufe treulich Nachkommen will, achten muß auf die Stimme der Zeit, auf die Stimme der Vernunft, auf die Stimme der Religion. Möge der Herr unser Ohr öffnen, daß wir empfänglich werden für das Wort der Wahrheit und daß dies uns gereiche zum Heile und zur Vollendung. Amen. „Für Alles giebt es eine Zeit und jede Bestrebung des Geistes hat ein Maß ihrer Dauer und ein Ziel ihrer Kraft." Dieser Satz, von dem Weisesten aller Menschen ausgesprochen und in seiner Geltung und Verwirklichung in den verschiedenen Lebensverhältnissen erprobt, ist in dem Wesen des Menschengeistes so tief begründet, durch die Erfahrung der Jahrtausende so vielfach bewährt, daß ihm auf keinem Gebiete, selbst nicht auf dein des gottesdienstlichen Lebens die Anerkennung versagt werden kann. Ewig und unveränderlich ist Gott, der uns seinen Geisteshauch hat eingegeben, ewig die Wahrheit, die aus ihm stammet und quillet, ewig das Gesetz der Liebe und der Tugend, der Gerechtigkeit und Sittlichkeit, das er uns hat vorgezeichnet und in's Herz geschrieben, aber wechselnd sind die Verhältnisse des Lebens, die Bedürfnisse der Menschheit, die Beziehungen der Gesellschaft, die Anschauungen der Zeiten, die Strömungen der Geschichte und wechselnd mit ihnen, Bräuche und Übungen, Sitten und Gewohnheiten, durch welche die Gottes- . Verehrung sich Ausdruck und Gestaltung verschafft. Wir können an den felsenfesten Grundsäulen unserer Lehren, an ihren ewigen Wahrheiten, an dem erhabenen Glauben, den unsere Väter mit opfervoller und opferfreudiger Hingebung haben geschirmet, nicht rütteln, weil die Macht des göttlichen Geistes darin wohnt, wir können ewigen Lehren nicht zeitliche Anschauungen entgegensetzen, aber wohl können, wohl müssen wir von den Gefilden des geistigen und gottesdienstlichen Lebens alle die toten, dürren Knochen wegräumen in denen kein Kraftkeim mehr vorhanden ist, wohl müssen wir dem nach religiöser Labung dürstenden Gemüte Wasser aus frischer Quelle zuführen und an dem Lebensbaum der Lehre die mächtigen Wurzeln, die grünenden Knospen pflegen, die die Frucht des Heiles verheißen, nicht aber welke Blätter, für die kein Lenz mehr aufsteht. „Aus der Wüste bahnet einen Weg dem Herrn" so lautet die Stimme unserer Zeit. Hohle Formen, starre Vorschriften, veraltete Bräuche sind trockener Wüstensand, der von dem Sturme neuer Bedürfnisse weggefegt wird, über den der Geist der Zeit siegreich hinwegschreitet, um Wege dem Herrn zu ebnen und Bahnen zu schaffen, die seiner Richtung entsprechend, zum rechten Ziele führen, zur Gottesfurcht und zum ewigen Heile. Aus der Wüste und Wirrnis schwankenden Zustände, aus der Halbheit und dem Zwielichte, in dem wir jetzt stehen, aus dieser grundsatzlosen Halbheit, die nur die gänzliche Gleichgiltigkeit gegen alle Religion zur Folge hat,

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