Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 15 (1895)
- Issue
- Heft 9 (1.9.1895)
- Date
- 1895-09-01
- Page
- Seite 206 (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/2969669-2969809-2969819--4565-2973832- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
206 ist Keinem bekannt. Aber der Einzelne kommt da überhaupt nicht in Betracht, er ist bloß Durchgangspunkt, der zum Ganzen führt. Es ist ein bestrickender Gedanke. Die Menschheit entwickelt sich. Ich selber bin, wenn auch nur ein höchst bescheidener Teil dieser Menschheit, doch ein Teil derselben, trage zu ihrer Vollkommenheit bei. Wenn ich auch das Ziel nicht kenne, ich begnüge mich mit dem Bewußtsein, daß mit mir und durch mich ein Schritt weiter gethan wurde auf dem Wege, der zum Ziel führt. Ich betrete zwar selbst nicht das Land der Verheißung, auch der Blick hinein ist mir versagt, aber ich bin es zufrieden, daß meine Kinder einst, wenn auch nicht bis dahin gelangen, sich doch der Grenze nähern werden. Die Kinder? Es soll wohl heißen: etwa das millionste Geschlecht nach mir. Wir nennen den Gedanken bestrickend. Er ist es insoferne, als er die vollste Entsagung, Selbstopferung bekundet. Es opfert sich der Einzelne für die Gesamtheit und diese wieder legt sich freiwillig auf den Altar für die ihr nachfolgende Gesamtheit. Es opfert sich die Gegenwart der Zukunft und diese selbst, einmal Gegenwart geworden, wird sich für ihre Zukunft opfern. Und so fort in alle Ewigkeit. Denn Vollkommenheit wird nie erreicht werden, sie darf es nicht, weil das Streben nicht aufhören darf. Dieses in der Gesamtheit des Menschengeschlechtes liegende Streben, sein thatsächliches Fortschreiten, die unleugbare Entwicklung, die es im Laufe der Zeiten genommen hat, wird auch allenthalben als Zweck aufgefaßt. Gegen diesen Zweckgedanken läßt sich nicht gut ankämpfen, und dies umsoweniger, als er der Hafen zu sein scheint, in den die schwanken Schiffe verschiedener Systeme einlaufen können. Mit dem Gedanken kann sich der verstockteste Materialist befreunden. Ihm ist er nichts mehr als ein weiterer Schritt in der Entwicklungsperiode. Eine hochausgebildete Zelle differenzirt sich weiter. Er ist dabei im Vorteile, auch darauf Hinweisen zu können, daß ihm nichts menschliches fremd sei. Denn die Differeuzirung geschieht zum Wohle der Menschheit. Ebenso wird sich auch der Theist mit dieser Anschauung befreunden. Er dokumentirt folgendermaßen: Zweck der Menschheit ist Vollkommenheit. Das Streben nach dieser ist ihr eingeboren. Im Erreichen des begrenzten Zieles, das jeder sich steckt, mag er seine Befriedigung finden. Mit diesem Streben steht er, bewußt und unbewußt im Dienste der Menschheit, der lebenden wie der nachkommenden. Er arbeitet damit an der Vervollkommnung des Alls, und vollführt so den Willen Gottes. Ich gestehe, daß iir der Notlage, in der wir uns befinden, irgend einen Zweck für das Dasein anzugeben, mir der eben angeführte der entsprechendste zu sein scheint. Er beruhigt das Gemüt, auch einigermaßen den Verstand. Er stellt dem Menschen ein zwar unerreichbares Ideal hin, er belohnt ihn aber dafür, daß er ihn als das bevorzugteste Wesen anerkennt, das dem Ideale zustreben und die höchste Tugend, die Selbstlosigkeit üben kann. (Fortsetzung folgt.)