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Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen · 1895-09-01 · Heft 9 (1.9.1895) · p. Seite 204

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Journal
Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
Volume
15 (1895)
Issue
Heft 9 (1.9.1895)
Date
1895-09-01
Page
Seite 204 (sequence 12)
Language
German
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204 Indem die Priesterschaft darauf besteht, verteidigt sie das Recht ihrer Existenz; denn mit dem Glauben, daß die Religion lediglich Gewissenssache sei, mit dem Glauben, daß der Mensch mit der Gottheit in unmittelbare Beziehung treten könne, wird es hinfällig. Wenn daher die katholische Kirche in der von Luther proklamierten „Freiheit des Christenmenschen" nicht den bloßen Versuch, sie zu reformieren, sondern eine Bedrohung ihrer Existenz sah, so hatte sie ganz Recht. Denn was übrig bleibt, wenn man mit „der Freiheit des Christenmenschen" im Sinne Luthers Ernst macht, das ist keine Kirche. Aber weder Luther noch seinen Mitreformatoren war es damit Ernst. Sie setzten der römisch-katholischen Kirche die ihrige — bald mehr als eine — entgegen und schalteten darin ebenso intolerant und herrschsüchtig, wie die Päpste und Bischöfe in jener. Ihre Kirchenpolitik war die des klugen Schwaben, der für die Einführung der Republik stimmte, aber auch das Ansehen und Regiment seines Königs erhalten sehen wollte. Die Reformation schüttelte das Joch der römischen Fremdherrschaft ab und beseitigte eine Menge schmählicher Mißbräuche; aber die Herrschaft der Kirche über den Glauben blieb bestehen, nur mit dem Unterschiede, daß. dieselbe nicht mehr vom Papst, sondern vom Landesherrn, beraten von seinen Hoftheologen und nach Umständen auch von seiner Maitresse, geübt wurde. So war es denn naturgemäß, daß auch das sittlich-religiöse Leben sich in vieler Hinsicht wieder veräußerlichte; denn auch die sogenannten evangelischen Kirchen können als solche ihre Existenz nur damit fristen, daß die Zugehörigkeit zu ihnen von solchen Merkmalen, welche sich kontrollieren lassen — und das sind imnier nur äußerlich wahrnehmbare —, abhängig machen. Daß sich die Kirche gleichwohl um die äußere Ausbreitung der Religion, wenn auch nicht immer auf sittlich zulässige Weise, verdient gemacht hat, ist schon oben anerkannt worden. Aber es darf nicht übersehen werden, daß die Veräußerlichung des religiösen Lebens durch sie auch die Verbreitung des Christentums vielfach gehindert und beschränkt hat. Nur so wird uns die rasche Ausbreitung der niohamedanischen Religion auf Kosten der christlichen und nur so der Fortbestand des Judentums inmitten der Christenheit begreiflich. Es ist nicht nur ungerecht, sondern völlig sinnlos, für letztere in „der Inden Verstocktheit, Haß, Bosheit u. dgl." die Erklärung finden zu wollen. Ist es heute noch kein Vergnügen, Jude zu sein, so war es im Mittelalter vielmehr eine tägliche Gefahr für Leib und Leben. Also kann doch das Festhalten an der Religion der Väter nicht aus selbstsüchtiger Berechnung, sondern lediglich aus der, Überzeugung, daß ihre Religion besser sei als die christliche, erklärt werden. Diese Überzeugung ist aber sehr wohl zu verstehen. Die offizielle christliche Religion hatte soviel Heidnisches in sich ausgenommen — mair denke nur an die drei Personen in der Gottheit, an den Heiligenkult, an das Essen von Jesu Fleisch und Blut —, daß sich der Bekenner des streng monotheistischen Gottesglaubens davon abgestoßen fühlen mußte. Er hatte, und mit Recht, das Bewußtsein einer geisti-

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