Mannheim
Compact Memory

Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen · 1895-09-01 · Heft 9 (1.9.1895) · p. Seite 203

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
Volume
15 (1895)
Issue
Heft 9 (1.9.1895)
Date
1895-09-01
Page
Seite 203 (sequence 11)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/2969669-2969809-2969819--4562-2973829
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

203 medaiiers, daß er mit dem Grabe des Heiligen auch sein und der Familie Glück veräußern würde. Erst im verflossenen Jahre erwarb Moses Daniel Salom den erwähnten Hügel um einen Betrag, der den wirklichen Wert bei weitem übersteigt, und ließ neben dem Grabe eine schöne Kapelle errichten, zu der nun die Israeliten frei wallfahrten dürfen. Schließlich sei noch erwähnt, daß eine Tochter Danons mit dem Oberrabbiner von Jerusalem, Benzijon Pinto, vermählt ist. Gin alter Pfarrer über das Judentum.*) . .. Was wir Kirche nennen, findet sich zuerst gefordert und definiert ovii einem afrikanischen Bischof um die Mitte des dritten Jahrhunderts. Aber noch ist seine katholische Kirche eine andere, als die spätere Papstkirche. Was gelehrt, gehalten, geglaubt werden soll, bestimmen im vierten, fünften und sechsten Jahrhundert nicht die Bischöfe, sondern seit Constantin die römischen Kaiser. Nun beginnt der heillose Konflikt zwischen Staat und Kirche, der für das bürgerliche und religiöse Leben gleich verhängnisvoll geworden ist Und bis zur Stunde noch nicht seine Erledigung gefunden hat. Hierauf näher einzugehen, ist nicht meine Absicht. Nur ein paar Andeutungen, wie das religiöse Leben unter der Herrschaft der Kirche entartete, und daß es nicht anders kommen konnte. Bis auf Constantin war das Bekenntnis zum christlichen Glauben eine Sache der freien Entschließung, des Gewissens jedes Einzelnen gewesen; nunmehr wurde es eine Sache des erst feineren, aber immer gröberen Zwanges. Nicht die Macht der Wahrheit, sondern selbstische Berechnung machte Hunderttausende zu Christen. Denn wie vorher die Getauften, so hatten nunmehr die Ungetausten Haß und Verfolgung und jede Zurücksetzung zu befürchten. Aus einem „Reich der Freiheit und Wahrheit" wurde die Stiftung Jesu zu einem Reiche voll Unfreiheit und Lüge. Die Entartung aber der „Religion des Geistes" in einen sinnlichen Kult, basiert auf abgeschmackt abergläubischen Glaubensvorstellungen, hatte schon früher begonnen. Die einzelnen Bischöfe und Lehrer dafür verantwortlich zu machen, ist thöricht; sie sind größtenteils respektable Menschen; nur im Wesen der Kirche als solcher kann die Ursache der zunehmenden Veräußerlichung und Entartung gefunden werden. Sie will die Gewissen beherrschen, kann's aber nicht; denn das Gewissen verträgt keine äußere Autorität. So muß denn, um die Herrschaft der Kirche zu ermöglichen, das Wesen der Frömmigkeit in das Äußere, in das, was die Kirche kontrollieren kann, in die Zustimmung zu den kirchlichen Lehrsätzen, in das Mitmacheu der Kultusgebräuche und in den äußerlich gesetzlichen Wandel verlegt werden. *) Aus den „Bekenntnissen eines alten Pfarrers. In Briefen an seine Frau" (Leipzig bei H. Hassel).

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.