Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 15 (1895)
- Issue
- Heft 9 (1.9.1895)
- Date
- 1895-09-01
- Page
- Seite 199 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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199 sprechende Reinheit und Redlichkeit im Thun gilt nichts. Wir können religiöse Seligkeit nicht mit sittlicher Schändlichkeit in Einklang bringen. Religion ist mehr als ein Bekenntnis der Lippen; Religion ist Leben und muß das Leben in jeder Einzelheit beeinflussen. Das ist Judentum, und das hat jener alte Weise gemeint, wenn er erklärt: Die Frommen aller Nationen haben Anteil am jenseitigen Leben. Der Jude hat niemals die druckenden Bande eines Glaubensbekenntnisses ertragen mögen. Wohl hat es Glaubensbekenntnisse gegeben, aber sie waren niemals autoritativ und allgemein anerkannt. In Bezug auf Anschauungen herrscht innerhalb des Judentums die größte Freiheit. Jede Formel ist ein Hemmschuh für den Fortschritt und beengt das geistige Gesichtsfeld. Als Antwort auf die Frage, was Judentum ist, mögen zwei Worte von Lehrern des Judentums citiert werden. Hillel, einem hervorragenden Rabbi des ersten vorchristlichen Jahrhunderts wurde von einem Heiden der Wunsch vorgetragen, ihn im Judentum zu unterrichten, während er auf einem Fuße stehe. „Was du nicht willst, daß man dir thue, das thue einem andern nicht", antwortete der Rabbi; „das ist die ganze Thora; alles ändere ist seine Erklärung; gehe und lerne." Jesus von Nazareth, ein jüdischer Lehrer und ein Jude nach seinem Glauben, antwortete auf die Frage, welches das wichtigste Gebot sei, in ähnlicher Weise (Mark. 12. 28—32). Mit dieser Glaubenserklärung stimmt der heutige Jude überein. Die großen Feiertage unserer Religion, Neujahr und Versöhnungstag, liegen vor uns. Die Ideen, vornehmlich ausgedrückt in dem Gottesdienste dieser Tage, bilden eine weitere Grundlage für den Glauben des Judentums, und diese sind die Verantwortlichkeit jedes Individuums für seine Thaten und die Wirksamkeit aufrichtiger Reue als Mittel der Buße. Kein Mittler steht zwischen Mann und Gott, um den direkten Verkehr zwischen der Einzelseele und dem Allvater zu heminen. Jeder Mann hat ein göttliches Element in sich, doch kein Mann ist göttlich; kein Mann darf göttlich verehrt werden. Beten sollen wir nur zu Gatt, an ihn direkt soll der Mensch sich tuenden, und nicht an die Vermittlung eines anderen. Das Judentum lehrt, daß die Seele rein aus der Hand ihres Schöpfers kommt; es muß das Ziel des Menschen sein, sie so zu erhalten. Wenn er jedoch diese Aufgabe verfehlt und in Sünde geräth, so hat er die Macht, es zu verbessern. Gott will den Tod der Sünde, nicht des Sünders. Jedes Geschöpf muß sein eigener Heiland sein; der Mensch ist nicht sündhaft von Geburt, obwohl der Sünde unterworfen. Ich bin ferner ein Jude, weil das Judentum vernunftgemäß ist. Es verlangt von niir keinen Glauben, welchem mein Verstand widerspricht. Es giebt freilich Dinge, denen unser Verstand nicht gewachsen ist, die aber trotzdem innerhalb seiner Forderungen liegen, als die Existenz Gottes, die Unsterblichkeit der Seele,