Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 15 (1895)
- Issue
- Heft 9 (1.9.1895)
- Date
- 1895-09-01
- Page
- Seite 198 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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198 Eine Harmonie von Religionen ist das Ziel, dem wir zustreben, nicht eine Einheitlichkeit, denn es ist eine Utopie, zu erwarten, daß alle Menschen gleich glauben und denken werden. Die ideale Auffassung religiöser Freundschaft ist die verschiedener Gruppen, die im Frieden leben und alle auf ihre Weise für das eine Ziel, das Gut der Menschheit, arbeiten-. Indem wir den Grund für den Glauben des Judentums erklären wollen, müssen wir auf die Vergangenheit zurückgehen, um zu erfahren, was sie uns erzählt. Die Bibel ist das Lehrbuch des Judentums. Auf ihren Blättern sucht man vergeblich nach einem formulirten Bekenntnis. In den fünf Büchern Moses ist der vorherrschende Gedanke derjenige, welcher das Losungswort des Juden im Leben und Tod geworden ist: Höre Israel, der Ewige ist unser Gott, der Ewige ist einzig und nächst diesem ist es der ethische Geist, welcher seinen vollendetsten Ausdruck findet i» dem Gebote: Liebe Deinen Nächsten wie Dich selbst. Wenn wir uns zu den Propheten wenden, hören wir Jesaias in glühenden Worten als Ziel der Religion aussprechen: Entfernet euere bösen Thaten von meinem Angesichte, höret auf, Übel zu thun; lernet Gutes thun, helft dem Unterdrückten, richtet die Waise, führet den Streit der Witwe. Wir heben die Worte Micha's hervor, welche ich als den Gipfelpunkt religiöser Lehre bezeichnen muß: Gott hat Dir gesagt, o Mann, was gut ist und was er von Dir verlangt, nichts als Gerechtigkeit zu thun, das Gute zu lieben und in Bescheidenheit zu wandeln vor deinem Gotte. Die jüdische Bibel beschäftigt sich mit diesem Leben. Die Geheimnisse sind für den Ewigen, unseren Gott und das Offenbare für uns und unsere Kinder (Deut. 29, 28). Wende dein Leben wohl an, lebe gut und du wirst gut sterben. Das ist eine Charakteristik des Judentums geblieben. Es lehrt ein rechtschaffenes Leben und überläßt die Lösung der Fragen dem, der alle Herzen prüft. Der Mensch ist von Gott in seinem Ebenbilde erschaffen worden; deshalb ist es seine Lebensaufgabe, sein Leben so zu gestalten, um es der Vollkommenheit seines Schöpfers möglichst nahe zu bringen. Israels Propheten haben eine Aufgabe für unsere Zeit. Jahrhunderte hindurch sind ihre Lehren, die auf den Principien der Gerechtigkeit und Rechtschaffenheit gegründet sind, in der christlichen Welt von der Bedeutung, welche man der individuellen Erlösung zugestand, verdunkelt worden; in unserer Zeit, mit ihren socialen Problemen, mit dem Erwachen des Gewissens des Mannes im Interesse seiner Mitmenschen, kehren wir zurück zu den prophetischen Prinzipien. Diese Beachtung des rechtschaffenen Lebens als hauptsächliches Ziel der Religion ist ein charakteristisches Merkinal des Judentums von den Zeiten der Propheten bis auf unsere Tage. Während andere Religionen den größten Nachdruck auf das gelegt haben, was nachher kommen wird, legte das Judentum das Hauptgewicht auf das diesseitige Leben, uub das scheint in unserem Zeitalter die Haltung aller Religionen bestinnnen zu wollen. Dafür treten wir ein. Ein Bekenntnis ohne ent-