Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 15 (1895)
- Issue
- Heft 8 (1.8.1895)
- Date
- 1895-08-01
- Page
- Seite 190 (sequence 22)
- Language
- German
- Belongs to
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190 Als solchen sieht er die Griindilng von Schulen an. Vielleicht befolgt der Herr Verfasser meine Anregung und schreibt ein wissentschaftlich gehaltenes Werk über diese galizischen Kultur-, oder vielmehr Unkulturzustände. Er wird damit Erfolg haben. A . . d . . s. Der greise Rabbiner Herr Dr. A. Wiener in Oppeln, einer der gesinnungstiichtigsten indischen Theologen Deutschlands, hat durch das mit Unterstützung der Zunz-Stiftnng herausgegebene Werk « Die jüdischen Speisegesetze nach ihren verschiedenen Gesichtspunkten zum erstenmale wissenschaftlich-methodisch geordnet und kritisch beleuchtet" (Breslau, Schlesische Buchdruckerei, Kunst- und Verlagsanstalt von S. Schottlaender, 1895) sich ein bleibendes Denkmal der Gelehrsamkeit nicht nur, sondern was in unserer an Charakteren so armen Zeit noch mehr bedeuten will, ein unverlöschlich Denkmal biederer Ehrlichkeit gesetzt, indem er sich nicht scheut, das von ihm wissenschaftlich Erkannte auch zu bekennen, öffentlich zu bekennen, auch wenn dadurch alte, eingelebte Anschauungen und seßhaft gewordene Meinungen als irrig bezeichnet werden. Es ist an und für sich eine That zu nennen, tief ins Leben eingreifende Anschauungen als irrig und falsch zu bezeichnen und dadurch den Reformbestrebungen in Kreisen, wo man noch ganz auf veraltetem Standpunkte steht, einen mächtigen Vorschub verleihen. Für die eigentliche praktische Reform, die ihre Theorien lebensvoll gestaltet hat — man denke nur an die jüdische Reformgemeinde in Berlin —, hat das Wiener'sche Buch nur einen litterarischen Wert. Und wenn man auch darüber im klaren ist, daß die Speisegesetze sich überlebt haben und in« geistigen Judentum keinen Boden haben, so wird man doch gerne den gelehrten Ausführnngen des Herrn Rabbiners Dr. Wiener mit gespanntem Interesse folgen und den Resultaten seiner Forschung, die geeignet sind einen Umschwung im praktisch-religiösen Leben herbeizuführen, ungeteilte Aufmerksamkeit zuwenden. Vergebens schreien die Zionswächter Zeter und Mordio, vergebens hüllen sich viele in kühles Schweigen oder halten sich au einzelnen Schwächen des Buches auf, vergebens greift orthodoxer Fanatismus den Verfasser in gemeiner Weise an, das Buch wird seinen Weg machen lind belehrend und anfklärend wirken. Der gelehrte Verfasser behandelt seinen Stoff von historischem, religiösem, antiquarischem, diätetischein und interkonfessionellem Standpunkte aus. Was den Verfasser selbst aulangt, so stimmt er mit dem sel. Luzatto überein und schreibt: „Ich bin weder starrgläubig, noch Neolog, weder Buchstabenverehrer, noch Philosoph, weder Rabbanit, noch Karait, aber ich forsche nach Wahrheit, nehme sie an von dem Geringsten, weise die Täuschung auch der höchsten menschlichen Autorität zurück." Von den jüdischen Journalen wünscht er, daß sie ohne Furcht und Menschenscheu Gott und der Wahrheit die Ehre geben und trotz Antisemitismus und Muckerei gegen die eingetretene Stagnation zum erleuchteten religiösen Fortschritt auf unserem alten ehrwürdigen Religionsgebiete auffordern, welcher Aufforderung wir um so bereitwilliger Nachkommen, als unser Streben und Wirken sich auf derselben Linie bewegt und in diesem programmatischen Satze zum Ausdruck kommt. Wiener ver-