Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 15 (1895)
- Issue
- Heft 8 (1.8.1895)
- Date
- 1895-08-01
- Page
- Seite 177 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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schaumig begegnet: Der Geist — was er auch selbst darunter verstehen mag — ist von weniger Dauer und vervollkommnet sich immer mehr. Das alles aber zugestanden, wissen wir noch immer nicht, was es heißen soll, der Mensch sei zur Vollkommenheit geschaffen. Wir wissen nur, daß dabei immer an den Geist gedacht wird und daß dieses Denken den strengen Dualismus zwischen Geist und Materie durchführt. Ist nun die Welt der Materie von der des Geistes verschieden, entsteht, wie für den Materialismus, auch hier die Frage: wie verbindet sich der Geist mit der Materie? Der Theismus hat darauf die einfache Antwort: der Geist ist Gottes. Er ist ursprünglich voni Körper getrennt, strömt in diesen ein, belebt, beseelt ihn. Der Geist, als Teil des Gottesgeistes, ist immer das Frühere, der Körper das Spätere. So der letztere zerfällt, der Tod eingetreten ist, hat sich der Geist von jenem wieder getrennt. Was mit ihm geschieht? Der Theismus nimmt da folgerichtig an, daß er dahin zurückkehrt, woher er gekommen: zu Gott. Aber wie der Ausdruck lautet, er verbindet sich wieder mit dem Allgeiste, von dem er eine Zeit über geschieden war. Nlln merken wir ein wenig ans das Gesagte. Der Geist ist Gottes. Er kehrt, nachdem er durch einige Zeit im menschlichen Körper geweilt, wieder zu Gott zurück. Bedarf er da einer weiteren Entwicklung? Ist es nicht eine Blasphemie, daß der mit Gott verbundene Geist sich erst vervollkommen müsse. Ist er zu Gott znrückgekehrt, so ist er eins mit ihm, bedarf daher keiner Entwicklung, keiner Vervollkommnung. Wenn die Erklärung dafür, wie der göttliche Geist im Körper wirke, eine schwierige ist, wenn zumal die Frage berechtigt erscheint, warum der im Menschen wirkende Gottesgeist den Menschen nicht ganz beherrscht, warum er ihn nicht immer zum Guten leitet, so wollen wir uns auch hier mit der Antwort begnügen, daß eben seine Verbindung mit dem Körper die Kraft lähmt, daß das leibliche die volle Geisteswirkung nicht ganz zur Geltung komnien läßt und daß endlich dies eben im Plane Gottes liegt. Aber — so sollte man doch meinen, daß der Geist wieder in seine volle Kraft tritt, nachdem er die Leibesbürde abgelegt, daß er dann wieder er selbst ist, der freie, ewige, vollkommene Geist. Und das müssen wir auch thatsächlich annehmen. Wir vermögen es wenigstens nicht, anders zu denken. So ergibt sich notwendig folgendes: Der Geist ist vollkommen in demselben Augenblicke, da er sich vom Körper löst. Was bedeutet nun der Satz: Des Menschen Zweck ist, daß er nach Vollkommenheit strebe? Der Körper kann nicht gemeint sein, er zerfällt. Der Geist nicht, weil, so lange er mit dem Körper verbunden ist, sie nicht erreichen kann. Ist er von ihm getrennt, bedarf er des Strebens nicht, denn er ist als Gottesgeist vollkommen. Es wurde also als letztes Ziel ein solches hingestellt, das der Mensch seiner Beschaffenheit und seinem