Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 15 (1895)
- Issue
- Heft 8 (1.8.1895)
- Date
- 1895-08-01
- Page
- Seite 176 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 98% known words query
- IRI
…/2969669-2969809-2969818--4534-2973800- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
des Menschen sprechen, meinen wir, daß der Geist vollkommen wird. Wenn wir dabei das Wort „Mensch" gebrauchen, wissen wir es, daß der Geist allein nicht mehr der Mensch ist, der auf Erden wandelte, aber es geschieht darum, weil wir den Geist für den wichtigsten Teil des Menschen halten. Wir sprechen von der Vollkommenheit des Menschen und meinen die des Geistes. Ich stimme dem zu. Nur muß erlaubt sein, zu bemerken, daß man damit manch großes Wort gelassen ausspricht. Man hat damit vor Allem die Dualität gesetzt, ausgesprochen, daß der Körper, die uns erscheinende Materie, ein totes, lebloses Ding ist. Man sagt, sie zerfällt, wird Staub und hat für alle Zeit ihre Wesenheit verloren. Diese Annahme wird bekanntlich nicht von jedermann geteilt. Es wird damit die erwähnte Anschauung stillschweigend übergangen, daß auch die Materie eine gewisse Beseeltheit besitzt. Auch jene Anschauung bleibt imberücksichtigt, daß auch der Staub, der Erde zurückgegeben, im ewigen Kreislauf der Natur gewissen Zwecken dient, dienen muß, und so vielleicht schon nach einigen tausend Jahren zu neuem Leben erwacht. Man hat damit andererseits vom Geiste ohne weiteres dreierlei angenommen: 1. daß er ein vom Körper gesondertes Dasein führen vermag, 2. daß er in diesem Sonderdasein von ewiger Dauer ist und sich 3. während dieser ewigen Dauer vervollkommnet. All diese Annahmen sind für einen großen Teil der Menschheit ganz selbstverständlich, sie bilden seine Weltanschauung. Obgleich keine dieser Annahmen sich mit mathematischer Gewißheit beweisen läßt, wirken sie doch beruhigend, nicht nur auf das Gemüt, sonder auch auf das Denken. Man mag in der Gedankenwelt sich noch so sehr umgethan haben, man kommt da nicht zum Abschlüsse' nicht zur Ruhe. Nach Beantwortung der einen Frage drängt sich eine neue auf. Bei jeder Anschauung und jedem System bleibt immer eine Fläche, auf der der Denkende kopfschüttelnd stehen bleibt; es bleibt eine Lücke, in die sich der Zweifel schleicht. Es ist darum nicht Bequemlichkeit und' nicht Denkfaulheit, wenn so mancher, selbst der unverfälschte Materialist, der Alles und Jedes in der Materie findet und sein System ebenso kühn wie streng durchgeführt hat, sich, wenn er alles überschaut, doch eingesteht: ohne Rest geht auch diese meine Auseinandersetzung nicht auf. Er sagt, daß hinter all diesen Dingen noch irgend etwas steht und — ohne daß es in sein System paßt, ohne daß er sich darüber Rechenschaft zu geben vermag, den Ausspruch thut: ich empfehle Gott meine Seele. Es ist das nicht die Verzweiflungsstation, an die ein gescheitertes Denken anlangen muß, sondern einerseits die Erkenntnis von den geringen noch dazu von anderen angezweifelten Ergebnissen des eigenen Denkens, andererseits das Verlangen nicht nur des Gemütes, sondern auch des Geistes zu einem harmonischen Abschluß zu gelangen. Er ist es darum zufrieden, ja begrüßt es freudig, wenn er der An-