Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 15 (1895)
- Issue
- Heft 7 (1.7.1895)
- Date
- 1895-07-01
- Page
- Seite 151 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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151 j—T- - '• als ob sie ein Museumsobjekt wäre, eine beachtenswerte Antiquität, die behutsam konserviert werden soll? euch käme es ja zu, alle heiligen Schriften, die Thora, Nebiim und Kesubim als Zeugnisse der religiösen Entwickelung auf das Rednerpult zu legen! Wir antworten: Daß wir die Thora in eine heilige Lade stellen, auch das ist ein Zugeständnis an die Vergangenheit; die Thora ist das sichtbare Denkmal unserer Geschichte. Indem wir die Thora emporheben, leuchtet unsere ganze Geschichte vor uns auf. Um dieser Thora willen ward alles geopfert: Glück, Freiheit, Habe, Ehre, Blut; wohl mancher ward in sie gehüllt den Flammen übergeben. Wenn auch das Cermvnialgesetz für uns keine Verbindlichkeit mehr hat. so wissen wir doch den Geist vvn dem Buchstaben zu befreien, daß ans jedem Blatte der Pergamentrolle lebenweckende und lebenspendende Gottesworte zu uns sprechen. Die Thora ist uns eine Lehre der Wahrheit, durch welche ewiges Leben in uns gepflanzt ist; die Thora ist uns ein Baum des Lebens, der uns die lieblichen Pfade anzeigt zum allgemeinen Frieden. Hatte man doch auch beim zweiten Tempelbau der Geschichte Rechnung getragen, indem nian statt der Bimdestafeln, die Jeremia auf dem Berge Nebo vergraben haben sollte, in das Allerheiligste einen einfachen Stein legte, der keinerlei Inschriften trug! Und doch war es'ein neuer Bund, den der Herr mit Israel geschlossen: die Lehre ward in ihr Inneres gelegt und auf ihr Herz geschrieben! Dieselbe Zeit, die der Menschheit zugemessen ist, um zum Gottesreiche zu gelangen, solange Zeit wird es währen, bis die Gesamtjudenheit auf ihrem Entwickelungswege zu unserem Standpunkte sich erhoben — dann aber, in jener Gotteszeit, in jener Gnadenzeit des Heiles, da wird nian, nach der Verheißung des Propheten, nicht mehr reden von der Bundeslade des Ewigen und sie wird nicht mehr in den Sinn kommen und man wird ihrer weder gedenken noch erwähnen, noch wird sie fürder gefertigt werden, denn die Thaten werden Zeugnis geben, daß die Lehre in das Innere gelegt und auf das Herz geschrieben! Gleicherweise wird der gottesdienstliche Kultus von jener Gnadenzeit widerhallen. Auch unser Gebetbuch gilt uns als eine Gedenktafel unserer Geschichte. Die Erinerungen verbinden uns mit Israel, die Hoffnungen mit der Menschheit. Herrlich erscheint die Jubiläumsausgabe unseres Gebetbuches, aber noch herrlicher wird unser zukünftiges Gebetbuch sein. Was bis dahin als Hoffnung ausgesprochen war, ist in Erfüllung gegangen; statt von Hoffnungen getragen zu sein, wird unser Kultus die Erfüllung des Gottesbundes widerspiegeln; wir werden die Heiligung mit einein andern verbindenden Text als dem heutigen anstimmen können, da wir noch von Dulden und Tragen reden müssen, mit einem Texte, der die Erfüllnng der Menschenliebe verkündet; und so werden wir gemeinsam mit den Brüdern aus allen Völkerstäm.nen den Völkerpsalm oder das große