Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 15 (1895)
- Issue
- Heft 6 (1.6.1895)
- Date
- 1895-06-01
- Page
- Seite 135 (sequence 15)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 98% known words query
- IRI
…/2969669-2969809-2969816--4491-2973755- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
auch, auf ausdrückliche Einladung des Papstes, aus verschiedenen Gemeinden mehrere Rabbiner, darunter auch Josef Mbo. Der Papst empfing die jüdischen Gelehrten sehr freundlich, ließ ihnen jede Bequemlichkeit angedeihen, sowie Speisen, rituel bereitet, zukommen. Die Tagesordnung bestand in 16 Punkten, über die verhandelt werden sollte, unter denen auch zwei über Entstehung des Talmud und über den unbedingten Glauben der Juden an denselben. In der 65. Sitzung brachte Josef Albo eine Denkschrift ein, worin er die Angriffe und Beschuldigungen gegen den Talmud widerlegte und zurückwies. Hieronymus sprach gegen diese Schntzrede und suchte zu beweisen, daß die Talmudlehrer unwissend und dem Aberglauben stark ergeben waren. Hierauf gaben die anwesenden Rabbiner die Erklärung ab, sie wollen den Talmud nicht weiter verteidigen, auch sich von dem Glauben an ihn als religiöses Gesetzbuch lossagen, nur Josef Albo verwahrte sich dagegen. Der Erfolg dieser Verhandlungen war für die Juden höchst betrübend. Nach dem Streite, der viele Juden zum Abfall bewogen haben soll, hielt Albo es für dringende Pflicht, dein Judentum und der öffentlichen Meinung seiner Glaubensbrüder die Mittel in die Hand zu geben, um die Angriffe verräterischer Apostaten abzuwehren. Er that es mit glänzendem Erfolge durch sein Buch „Jkkarim" (Glaubensgrundsütze) dessen Ausdrucksweise leicht und jedem, der mit der hebräischen Sprache vertraut ist, verständlich ist. Darin glauben wir den richtigen Grund gefunden zu haben, der Albo zur Verfassung seines Werkes veranlaßte. Es wird wohl Niemandem einfallen, Josef Albo, den frommen Rabbiner den eifrigen Verteidiger des Talmud, als einen Freigeist darstellen zu wollen, und doch wollen wir aris seinem Buche „Jkkarim" eine Stelle in treuer Übersetzung vorführen, die unser Staunen erregt. Dem 3. Abschnitte, (Perek 13) entnehmen wir folgende Stelle: „Ob aber für ein und dasselbe Volk, in ein und demselben Lande die Religion eine Veränderung erleiden konnte? fast sollte man dieses für unmöglich halten, da von Seiten des göttlichen Gesetzgebers sich nicht denken läßt, daß er einmal dieses ein andermal jenes wollte. Aber auch von Seiten des Empfängers, der Nation nämlich, läßt sich eine solche Veränderung nicht denken, weil doch Wahrheit zu allen Zeiten Wahrheit bleiben müsse. Geht man aber näher auf die Sache ein, so läßt sich doch vielleicht eine Veränderung des Gesetzes in der Zeit denken, wenn auch Gott und seine ewigen Wahrheiten sich nicht ändern, weil doch immer auf den Empfänger Rücksicht genommen werden muß. Wie der einsichtige Arzt mit seinen Vorschriften sich nach der jeweiligen Beschaffenheit des Kranken richtet, ihm jetzt dieses verbietet, und wenn der Kranke erstarkt, dasselbe ihm schon erlaubt. Das Verfahren des Arztes darf den Kranken gar nicht wundern. Der Arzt bleibt immer derselbe, und hat gewiß, als er dieses zu nehmen verboten, voraus gesehen, es werde schon eine Zeit kommen, wo er es wieder