Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 15 (1895)
- Issue
- Heft 6 (1.6.1895)
- Date
- 1895-06-01
- Page
- Seite 127 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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den roten Mantel getragen hatte. Zwar war er der Gläubiger und Arbeitgeber zahlreicher Christen, aber seine Gemeinde lebte in größeren Städten, noch zusammengedrängt in bestimmten Straßen oder Stadtteilen, in anderen war den Juden fester Wohnsitz überhaupt nicht, oder nur in beschränkter Zahl gestattet. Wenige deutsche Judengemeinden waren damals größer und wohlhabender als die zu Prag. Sie war eine der ältesten in Deutschland; sagenhafte Traditionen führen sie auf eine Zeit zurück, wo der Glaube des Gekreuzigten an der Moldau noch unbekannt war. Selten versäumte ein Reisender, die engen Gassen der Judenstadt zu besuchen, wo die kleinen Häuser, wie Bienenzellen aneinander gedrängt, einst den größten Reichtum und das größte Elend des Landes umschlossen, und wo der Todesengel so lange den Tropfen Galle in den Mund der Gläubigen träufeln ließ, bis auf dem unheimlichen Kirchhof jeder Zoll Erde zu Menschenasche wurde. Auf engem Raum hausten dort am Ende des fünfzehnten Jahrhunderts nahe an sechstausend fleißige Menschen, der große Geldhändler wie der ärmste Trödler und Lastträger, in fester Genossenschaft und gemeinsamen Interessen eng verbunden, durch ihre Industrie und unermüdliche Spekulationen dem verarmtem Lande unentbehrlich, und doch in einem fortwährenden Krieg gegen die Sitten, die Rohheit und den Glaubenseifer des neubekehrten Königreichs. Der Verfasser schildert dann die durch die Wissenschaft, Toleranz und die Humanität hervorgebrachte neue Bildung unserer Zeit, und schließt: „Diese neue Bildung hat auch die Juden gehoben, ihr Fanatismus ist geschwunden, seit der christliche Eifer aufhörte, sie zu verfolgen. Und die Enkel der asiatischen Wanderstämme sind unsere Landsleute und brüderlichen Mitstreiter geworden." Ober die Juden Wöhmens im 15. und 16. Jahrhunderte. Aus dem Böhmischen des Herrn Prof. Dr. Sigmund Winter mit Erlaubnis des Autors ins Deutsche übertragen und mit Anmerkungen versehen von Dr. M. Grünwald, Großrabbiner von Bulgarien. (Fortsetzung.) In Strafsachen mußten die Juden das Gericht der Ratsherren dulden. Stritt ein Christ mit einem Juden auf jüd. Rechte, so saß dabei auch ein christlicher Richter. Wie auf anderen, noch so unterordneten Gerichten, so sprachen 2I) Prag. Arch. Buch Nr- 1048 fol. 174. Im I. 1565 die Zeugenschaft, daß der kaiserliche Richter beim jüd. Gerichte saß.