Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 15 (1895)
- Issue
- Heft 6 (1.6.1895)
- Date
- 1895-06-01
- Page
- Seite 126 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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126 Augsburg, die dauernde Münzverschlechterung, die unaufhörlichen Geldbedürfnisse der großen und kleinen Territorialherrn begünstigten eine vielseitige Thätigkeit des jüdischen Geschäfts, welches durch ganz Deutschland gewandte Werkzeuge und von Konstantinopel bis Cadix Gastfreunde und Verwandte fand. Die Bedeutung, welche der innere Zusammenhang der Juden für den deutschen Handel in einer Zeit hatte, wo.schlechte Wege, schlechte Zölle und eine sehr unwissende Gesetzgebung dem Verkehr die größten Schranken auflegten, ist noch lange nicht zur Genüge gewürdigt. In unermüdlicher Thätigkeit gruben sie wie Ameisen ihre geheimen Wege durch das morsche Holz des römischen Reiches; lange bevor die Briefpost und die Waarenspedition ein großes Netz über die Landkreise gezogen hatten, bestanden ihre stillen Verbindungen für Brief- und Waarentransporte. Arme Schacherer und fahrende Bettler, liefen als treue Agenten zwischen Amsterdam und Frankfurt, Prag und Warschau hin und her, Wechsel und Juwelen unter ihren Lumpen, ja im eigenen Leibe verbergend. In gefährlichster Zeit, durch Heere und polizeiliche Verbote, schlich der wehrlose Jude geschäftig aus einem deutschen Gebiete in das andere. Dort trug er vollwichtige Kremnitzer Dukaten nach Frankfurt und brachte dieleichten unter das Volk, welche die christlichen Bankhäuser der Reichsstadt so lange gewissenlos beschnitten hatten, bis sie durch eine kaiserliche Untersuchungskommission gezwungen wurden, den ungerechten Gewinn in Bestechungsgeldern zu opfern. Hier kaufte er Spitzen und neue Kirchengewänder für seine Gegner, die geistlichen Herren, dort schmuggelte er einem Landesherrn Waffen und Kriegsgerät durch ein feindliches Territorium, hier geleitete er einen großen Transport feiner Leder ans dem Inneren Rußlands bis ans die Messe von Leipzig, er allein befähigt, durch Schmeichelei, Geld und Branntwein die Habsucht der slavischen Adligen zu überwinden. Unterdes saßen die Reichsten in den wohlvergitterten Zimmern ihrer Judenstadt, die Wechsel und Unterpfänder der höchsten Herren im sicheren Verschluß bergend, große Bankiers, vielvermögende Leute auch nach modernem Maßstabe. So waren die Inden damals im Verhältnis zu den Christen wahrscheinlich reicher als jetzt, jedenfalls mit den Eigentümlichkeiten ihres Verkehrs unentbehrlicher. Sie hatten schützende Freunde am Kaiserhof wie im Harem des Sultans und im Geheimzimmer des Pabstes, sie hatten eine Aristokratie des Blutes, welche damals von den Glaubensgenossen noch hoch respektirt wurde und bei Brautfesten mit Stolz die Juwelen trug, welche ein Ahnherr vielleicht lange vor Marco Paolo unter hundertfacher Lebensgefahr aus Indien gebracht, oder ein anderer von einem der großen Maurenkönige in Granada eingetauscht hatte. Auf der Straße aber trug der Jude noch die schimpflichen Zeichen des ungeehrten Fremdlings, im Reiche eine gelbe Kokarde an seinem Rocke, in Böhmen die steife blaue Krause, wie er im Mittelalter den hohen, gelben Hut, in Italien